• vom 11.03.2018, 12:00 Uhr

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Die rettende Kraft des Schreibens




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Von Andreas Wirthensohn

  • Die deutsche Schriftstellerin Angelika Klüssendorf präsentiert Schlaglichter einer quälend langen Ehe - und das Ringen einer Frau um Selbstbestimmung.

Kampf gegen die Angst: Angelika Klüssendorf.

Kampf gegen die Angst: Angelika Klüssendorf.© Gene Glover Kampf gegen die Angst: Angelika Klüssendorf.© Gene Glover

Ja, man kann diesen Roman autobiografisch lesen. Man kann hinter der Erzählerin namens April die Verfasserin und hinter dem Chirurgen Ludwig, ihrem Ehemann, den 2014 verstorbenen "FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher vermuten, mit dem Angelika Klüssendorf ein paar Jahre lang verheiratet war und mit dem sie einen Sohn hat. Aber damit wird man diesem zum Teil beklemmenden Roman einer scheiternden Ehe nicht wirklich gerecht. Denn der 1958 geborenen Autorin lag nichts ferner, als mit "Jahre später" einen Schlüsselroman zu schreiben und irgendwelche Schlüssellochsehnsüchte des Feuilletons zu befriedigen.

Beschädigtes Leben

Das Buch schildert vielmehr eindringlich Episoden aus dem beschädigten Leben einer Frau, die ihre Kindheitsprägungen nicht los wird: "Schon sechsjährig stand sie neben ihrer Mutter, wenn diese, was täglich geschah, unglücklich losheulte, und tröstetet sie mit kaltem Herzen. Der Vater verursachte diese Ausbrüche und war somit keine Hilfe. Stark war er nur in seinen Schlägen, liebenswert nur, wenn er Geschichten erzählte; immerhin konnte er liebenswert sein. Wenn ihre Mutter Gefühle zeigte, ähnelte sie einer sentimentalen KZ-Aufseherin, die ein besonders hübsches Kind ins Gas schicken musste. Das war zum Heulen! Weil das Kind so hübsch war und die Arbeit so schwer. Nie wie Mutter werden! Ein Gebet, eine Parole, ein Schlachtruf."

Wie unglücklich diese Kindheit war und unter welchen Mühen sich das Mädchen April daraus befreit hat, haben die beiden ersten Romane dieser Trilogie eindrucksvoll geschildert: "Das Mädchen" (2011) und "April" (2014), die es beide auf die Shortlist des renommierten Deutschen Buchpreises schafften. Jahre später ist April - ihren Namen hat sie einem Song der Rockband Deep Purple entliehen - immer noch auf der Suche nach dem Glück, nach Heimat, nach einem Gefühl der Vertrautheit. Noch immer fühlt sie sich unsichtbar, als Außenseiterin, sie ist geplagt von ihren Ängsten und Dämonen. Als sie bei einer Lesung aus ihren Schreibversuchen den etwas älteren Arzt Ludwig kennen lernt und er ihr Avancen macht, beginnt eine Beziehung voll ausgelassener, beinahe kindischer Verliebtheit.

April wird schwanger, die beiden heiraten, ein Sohn namens Samuel kommt zur Welt, und für einige Zeit scheint es, als sei so etwas wie ein Leben als Familie möglich. Doch es gibt bekanntlich kein richtiges Leben im falschen, und so wird aus der Verspieltheit des Anfangs der immer verzweifeltere Versuch, die Normalität eines Familienlebens zu imitieren. Ludwig flüchtet sich in Computerspiele, April führt imaginäre Gespräche mit Geistern und kämpft mit den alten Gespenstern:



"Die Angst ist längst ein Teil von ihr. Und das Gesicht der Angst ist wandelbar, hat sie sich an eines gewöhnt, kommt es ihr mit einem anderen entgegen. Erwartet April die Angst an der Haustür, tritt sie durch den Keller ein. Sie kann sich nicht erinnern, jemals frei von Angst gewesen zu sein. April schreibt in ihr Tagebuch: Glück ist die Abwesenheit von Angst."

Nach quälenden dreizehn Jahren Ehe reicht April die Scheidung ein. Ludwig droht ihr mit "Krieg", es wird noch ein wenig schmutzig, doch dann ist auch das vorbei. Und April hat sich wieder, wie schon als Kind und als Jugendliche, allen Widrigkeiten - äußeren wie inneren - zum Trotz als starke Frau erwiesen.

Information

Angelika Klüssendorf
Jahre später
Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018, 160 Seiten, 17,50 Euro.

"Jahre später" ist ein schmales Buch über eine quälend lange Ehe, die nicht entfernt hält, was sie verspricht. Es präsentiert uns Schlaglichter, Momentaufnahmen, Augenblicke aus vierzehn Jahren, und gerade dieser Verzicht auf alle epische Breite bringt uns April und ihren Kampf um ein eigenes Leben auf so eindringliche Weise nahe. Denn mehr noch als ein Eheroman ist dies ein Buch über die Selbstbehauptung einer Frau, der das Glücklichsein in Kinderjahren gründlich ausgetrieben wurde. Und es ist ein Buch über die rettende Kraft des Schreibens.

Macht der Worte

Eines Nachts im Traum "sieht sie ein Mädchen vor sich, in einem Mietshaus am geöffneten Fenster, sie erkennt einen dünnen Kinderarm, der Arm holt aus, und dann fliegt Scheiße durch die Luft. Das Mädchen ist noch namenlos und ohne Schutz. Das wird mein erster Satz sein, denkt sie. Scheiße fliegt durch die Luft."

Mit genau diesem Satz beginnt der erste Band der April-Trilogie. Am Ende des dritten Bandes nun ist April zur Schriftstellerin geworden, sie hat Worte gefunden für das, worum und wogegen sie seit Kindertagen kämpft. Die Momente des Schreibens sind die Momente, in denen sie eine Verbindung mit sich und dem Leben spürt. Mit der Macht der Worte die Angst bannen - das ist ein schöner Gedanke, und selten ist er uns literarisch eindrucksvoller vermittelt worden als in Angelika Klüssendorfs Trilogie vom kleinen Glück.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-03-08 15:53:44
Letzte Änderung am 2018-03-08 16:09:26


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