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Zwischen Weihrauch und Schwefel




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Von Heiner Boberski

  • Mit "Holl - Bilanz eines rebellischen Lebens" liefert Harald Klauhs mehr als die Biografie eines schillernden Religionssoziologen.

2002 wurde Adolf Holl mit dem Östereichischen Staatspreis für Kulturpublizistik ausgezeichnet. - © apa/Barbara Gindl

2002 wurde Adolf Holl mit dem Östereichischen Staatspreis für Kulturpublizistik ausgezeichnet. © apa/Barbara Gindl

"Ich bete für einen neuen Papst": Wenn ein Priester oder Ordensmann Kritik am gerade amtierenden Papst von sich gibt, muss er mit Ärger rechnen. Erst kürzlich wurde der britische Historiker Henry Sire für sein unter Pseudonym verfasstes Buch "Der Diktator-Papst" vom Malteserorden, dessen Mitglied er ist, suspendiert.

Vor 50 Jahren packte der Wiener Kaplan Adolf Holl seine Unzufriedenheit mit dem damaligen Pontifex Paul VI. in den eingangs zitierten Satz, und zwar am 31. Juli 1968 in der von Helmut Zilk moderierten TV-Sendung "Stadtgespräche". Es ging um das gerade veröffentlichte, als "Pillen-Enzyklika" in die Geschichte eingegangene päpstliche Lehrschreiben "Humanae vitae - Über die rechte Ordnung der Weitergabe menschlichen Lebens", das Katholiken den Gebrauch künstlicher Mittel zur Empfängnisverhütung untersagte.

Holl stand mit seiner Kritik an "Humanae vitae" nicht allein. Die Wogen gingen in der ganzen katholischen Kirche hoch, und die Österreichische Bischofskonferenz sah sich veranlasst, in der "Mariatroster Erklärung" vom September 1968 den Gläubigen ein Hören auf ihr Gewissen und "verantwortete Elternschaft" zuzugestehen. Das wurde natürlich sehr vorsichtig formuliert und mit der Mahnung verbunden, dass sich die richtige Bildung des Gewissens am kirchlichen Lehramt zu orientieren habe.



In einem "Revolution" betitelten Abschnitt behandelt Harald Klauhs, seit 1996 Literaturredakteur der "Presse"-Wochenendbeilage "Spectrum", davor Redakteur der katholischen Wochenzeitung "Die Furche", in seinem neuen Buch "Holl - Bilanz eines rebellischen Lebens" den Wirbel, der damals - im auch politisch sehr aufgeladenen Jahr 1968 - Adolf Holl schlagartig im ganzen Land berühmt und in konservativen katholischen Kreisen vollends berüchtigt machte.

Information

Harald Klauhs
Holl. Bilanz eines rebellischen Lebens

Residenz Verlag, Wien 2018, 368 Seiten, 28,- Euro.

Buchpräsentation am 10. April, 19 Uhr, in der Buchhandlung Herder, Wollzeile 33, 1010 Wien.



Der schon zuvor durch kritische Töne auffällige Holl war damals nicht nur Kaplan in der Wiener Pfarre Neulerchenfeld, sondern auch Dozent an der Theologischen Fakultät der Universität Wien und - diese Funktion verlor er sehr rasch - Geistlicher Assistent der Fernsehkommission im diözesanen Katholischen Zentrum für Film, Funk und Fernsehen.

1966 galt er als Anwärter für den Wiener Lehrstuhl für Religionswissenschaft, doch wurde ihm Hubertus Mynarek vorgezogen, der es später sogar zum Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät brachte, ehe er heiratete und aus der Kirche austrat, nicht ohne ihr Heuchelei vorzuwerfen.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-03-29 18:42:10
Letzte Änderung am 2018-03-29 18:47:30


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