• vom 31.03.2018, 15:00 Uhr

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Lieben mit Schmäh




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Von Edwin Baumgartner

  • Dem Wiener eignet eine besondere Art von Humor: charmant unkorrekt, kokett nekrophil, aber zutiefst philosophisch. Der Dialekt übersetzt das alles in Musik.



"Semmöhund" und "Antn" verursachen in Wien längst keinen Bahöö mehr . . .

"Semmöhund" und "Antn" verursachen in Wien längst keinen Bahöö mehr . . .© Wolfgang Ammer "Semmöhund" und "Antn" verursachen in Wien längst keinen Bahöö mehr . . .© Wolfgang Ammer

Das muss ich Ihnen jetzt erzählen:

"I mog di", sagt der Schmäh. "Ich liebe dich" wäre viel zu pathetisch. "Ich liebe dich" hat keine Musik. "I mog di" singt. Versuchen Sie einmal, "Ich liebe dich" zu singen. Merken Sie, wie Sie ganz automatisch dramatisieren? Und jetzt singen Sie: "I mog di." Gelingt das nicht ganz von selbst viel sanfter, viel intimer? "I mog di" sagt der Schmäh, und wenn er es sagt, dann meint er es genau so.

Aber bevor wir dahin kommen, muss ich Ihnen ein G’schichterl erzählen, so quasi als Warnung, wie es Wiener Männern ergeht, nämlich die Sache von der Speckschwarte im Roten Turm. Das ist auch so ein Fall von Schmäh, und um Liebe geht es obendrein. Irgendwie.

Zuerst aber verspreche ich Ihnen, dass dieses Kapitel kurz wird. Kaum ein richtiges Kapitel wird es sein, eher ein Kapiterl. Nicht, weil es zur Liebe nichts zu sagen gäbe, und nicht, weil es zum Schmäh in der Liebe nichts zu sagen gäbe.

Das Gegenteil ist der Fall. Zuviel gibt es zu berichten, weil ja Liebe etwas sehr Individuelles ist. Ob die Liebe in Wien etwas Wienerisches hat, weiß ich nicht. Ganz und gar Schmäh ist, wie man über die Liebe und den Sex spricht.



Information

Der Text ist ein Auszug aus dem soeben erschienenen Buch "Schmäh. Die Wiener Antwort auf die Dummheit der Welt" von Edwin Baumgartner (Claudius Verlag, München 2018, 240 Seiten, 16,50 Euro).

Der Autor, Feuilletonredakteur der "Wiener Zeitung", präsentiert sein Buch am Donnerstag, 5. April, um 19.00 Uhr in der Buchhandlung Frick am Graben, Graben 27, 1010 Wien.

Zum Beispiel treibt man es ("es"!) als Wiener weder mit dem F-Wort noch mit dem V-Wort. Der Wiener schnackselt. Das kommt von schnackeln, was zittern oder zappeln bedeutet. Sehen Sie, das nenn’ ich einen Schmäh: Drastisch beschrieben, aber mit einem Wort, das gar nicht drastisch klingt. Um wieviel verspielter klingt es ("es"!), wenn es ("es"!) schnackseln heißt und nicht, pardon, jetzt doch, aber aus reinen Vergleichsgründen, ficken oder vögeln.

Das Anbandln scheint nachgerade eine Wiener Erfindung zu sein. Mittlerweile wird das Anbandeln auch von Frauen ganz aktiv praktiziert, und natürlich auch von Mann zu Mann und von Frau zu Frau. Die Tage, in denen die Rosa Lila Villa, das Lesben-, Schwulen- und Transgenderzen-trum in der Linken Wienzeile, den Grund für einen gewaltigen Bahöö verursacht hat, sind vorüber. Nicht von ungefähr ist Wien die Stadt des Life Balls, der europaweit größten Benefiz-Veranstaltung zu Gunsten HIV-infizierter und AIDS-erkrankter Menschen.

Was übrigens nichts daran ändert, dass der Schmäh auch in diesen Belangen politisch inkorrekt bleibt. Homosexuelle Männer sind "Woame" oder "Hoiwe" oder, weil ein echter Hund auf echtes Fleisch stehen sollte, "Semmöhund". Für lesbische Frauen ist mir nur ein Ausdruck häufiger untergekommen, nämlich "Antn". Das ist gar nicht schlecht beobachtet, denn die Enten gehörten zu den ersten Tieren, bei denen in freier Wildbahn Individuen mit homosexueller Neigung entdeckt wurden. Aber das Schimpfen überlassen wir Anderen zu anderer Zeit. Wir sind jetzt bei was viel Schönerem.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2018-03-30 14:00:01
Letzte Änderung am 2018-03-30 15:00:23



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