• vom 14.04.2018, 10:00 Uhr

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Als Deutschland den Dschihad erfand




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Von Gerald Schmickl

  • "True fiction": Jakob Heins Roman "Die Orient-Mission des Leutnant Stern" erinnert an eine verstörende Episode während des Ersten Weltkriegs.

Beweist viel Sinn für schelmischen Witz: Jakob Hein.

Beweist viel Sinn für schelmischen Witz: Jakob Hein.© Susanne Schleyer Beweist viel Sinn für schelmischen Witz: Jakob Hein.© Susanne Schleyer

Auf die Idee, dass der Islam nicht zu Deutschland gehöre, wäre Kaiser Wilhelm II. nicht gekommen. Ganz im Gegenteil: "Wäre ich nicht als Christ geboren, wäre ich heute Moslem", soll er, der sich auch gerne "Großmufti von Berlin" nennen ließ, einmal gesagt haben. Und dass ausgerechnet Deutschland einst den Dschihad befördern wollte, klingt für heutige Ohren noch abenteuerlicher und abwegiger - und doch war es so!

Daran erinnert der deutsche Schriftsteller (und Psychiater) Jakob Hein mit und in seinem neuen Roman, der auf einem historisch wahren Fundament beruht. "Die Orient-Mission des Leutnant Stern" hat 1914 tatsächlich stattgefunden, als der jüdische Leutnant Edgar Stern eine als Zirkustruppe getarnte Schar von muslimischen Gefangenen nach Konstantinopel schmuggelte, um den dortigen Sultan als Verbündeten fürs im Weltkrieg absehbar in Bedrängnis geratende deutsche Kaiserreich zu gewinnen.

Kurioses Manöver

Der Plan ging auf eine Idee des Orientalisten Max von Oppenheim zurück, nämlich die Muslime zu einem "Heiligen Krieg" gegen die Kolonialmächte England und Frankreich zu verleiten, damit diese militärisch abgelenkt und entscheidend geschwächt werden. Der Dschihad war also gewissermaßen sogar eine deutsche Idee!



Information

Jakob Hein
Die Orient-Mission des Leutnant Stern

Roman. Galiani Berlin, 2018, 244 Seiten, 18,50 Euro.

Funktioniert hat der Plan trotzdem nicht, weil die völlig heterogenen Muslime in den verschiedensten Weltgegenden keineswegs zu einem geordneten einheitlichen Vorgehen zu bewegen waren. In der Türkei wurde die muslimische Mobilmachung hauptsächlich für lokale Feldzüge und Genozide (etwa gegen Armenier) genutzt.

Trotzdem fand das kuriose Manöver des Leutnant Stern statt, wovon Jakob Hein aus verschiedenen Perspektiven der daran Beteiligten erzählt. Die 14 muslimischen Kriegsgefangenen (großteils marokkanische Berber, die im Solde Frankreichs gestanden waren) wurden also getarnt nach Konstantinopel geleitet, wo man sie - quasi als Geschenk an den Sultan - publikumswirksam freiließ. Damit die Sache nicht frühzeitig auffliege, und etwa die Rumänen, die Frankreich damals näher standen als Deutschland und deren Land man mit dem Zug durchqueren musste, nicht Verdacht schöpften, kam besagter Edgar Stern, ein mutiger Mann, auf die Idee mit der Maskerade.

Die Männer sollten Zirkusartisten darstellen - und er den dazugehörigen Direktor. Dass es - schon bei der Einkleidung (dank preußischen Beamtenstarrsinns) und in der Folge bei der Reise selbst - zu allerlei Kuriositäten und aberwitzigen Szenen kommt, verleiht dem von Jakob Hein mit viel Sinn für schelmischen Witz betriebenen Erzählunternehmen seinen so spannenden wie unterhaltsamen Reiz.

Leider vertraut der Autor nicht durchgängig der Ironie der Geschichte - und glaubt sie durch Erklärungen verständlicher machen zu müssen, wie etwa an dieser Stelle:

",Sprechen Sie wenigstens eine der semitischen Sprachen?‘

,Nein.‘

,Nicht einmal Hebräisch?‘

,Nicht dass ich wüsste‘, sagte Stern, der versuchte, sich mit Ironie aus dieser äußerst unangenehmen Situation zu befreien."

Das hätte man auch ohne diesen (Zu-)Satz verstanden - und lustiger gefunden.

Trotzdem liest man diese Geschichte mit historischem (Zu-)Gewinn und einigem Vergnügen.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-04-12 17:57:14
Letzte Änderung am 2018-04-13 11:42:46


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