• vom 15.04.2018, 16:00 Uhr

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Die Geschichte einer Flucht




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Von Shirin Sojitrawalla

  • Der überzeugende Roman "Exit West" des pakistanischen Autors Mohsin Hamid.



Dieser Roman ist in der ganzen Welt zu Hause, buchstäblich - und weil er eine exemplarische Geschichte erzählt. Saeed und Nadia lernen sich in ihrer Heimat kennen, es könnte sich um Syrien handeln, aber auch um Iran, den Irak oder sonst ein Land. Für den Fortgang der Geschichte und den Roman spielt das keine Rolle. Zen-tral ist, dass das Land sich dramatisch verändert. Ein grausames Regime hat die Macht übernommen. Extremisten erobern die Stadt, schränken Freiheiten ein. Die Bevölkerung ist verängstigt. Einmal ist von einer "Todesfalle von einem Land" die Rede. Den Bewohnern stellt sich alsbald die Frage, ob sie bleiben oder gehen sollen.

Information

Mohsin Hamid
Exit West

Roman. Aus dem Englischen von Monika Köpfer. Dumont, Köln 2017, 222 Seiten, 22,- Euro.

Der pakistanische Autor Mohsin Hamid, der sich mit Büchern wie "Der Fundamentalist, der keiner sein wollte" oder "So wirst Du stinkreich im boomenden Asien" einen herausragenden Namen erschrieb, erzählt im Roman "Exit West" die Geschichte einer Flucht. Irritierenderweise schildert er aber gerade die Flucht selbst nicht, was womöglich folgerichtig ist, da Zeitungsleser und Fernsehzuschauer mittlerweile gesättigt sind von Fluchtgeschichten aller Art.

Hamid gibt dem Ganzen vielmehr einen märchenhaften, surrealen Touch, indem seine Figuren durch ominöse, sich aus dem Nichts öffnende Türen andere Länder und Welten betreten. Erst stranden Saeed und Nadia auf der Insel Mykonos, dann in London, später bei San Francisco. Auf ihrer Odyssee kommen sie sich nicht nur fast selbst, sondern bald auch einander abhanden. In knappen Sentenzen verlebendigt der Roman, der auf der Shortlist zum Man Booker Prize stand, die Sta-dien der Entfremdung: von der Heimat, dem Partner, der eigenen Biografie und der Menschlichkeit. Die Scham, Geflüchtete zu sein, hält Saeed und Nadia als Menschen und als Paar zusammen.

Der Leser entwickelt große Empathie mit diesen Figuren, was auch daran liegen mag, dass man sie schon kannte, bevor sie sich auf die Reise machen mussten - ein Umstand, der realen Flüchtlingen verwehrt bleibt. Dabei spielt der Roman mit ähnlichen Effekten wie Jane Tellers Büchlein "Krieg. Stell Dir vor, er wäre hier". Sachte werden die Leser gezwungen, Perspektiven zu ändern, sich vorzustellen, sie müssten selbst zurücklassen, was ihnen heilig ist, und um ihr Leben fliehen. Hamids auktorialer Erzähler nimmt die ganze Welt in den Blick. Vieles lässt er gleichzeitig geschehen, wechselt von Schauplatz zu Schauplatz. Der Roman überzeugt auch mit seiner großen Liebesgeschichte - und dem behutsam-versöhnlichen Tenor: "Wir sind alle nur Menschen".





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-04-12 17:57:18
Letzte Änderung am 2018-04-12 18:10:36


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