• vom 15.04.2018, 10:00 Uhr

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Das beharrliche Vergehen der Zeit




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Von Andreas Wirthensohn

  • John McGregors eigenwilliger, lesenswerter Roman "Speicher 13".



Nein, idyllisches Inspektor-Barnaby-England ist es nicht, das uns Jon McGregor in seinem Roman präsentiert. Das Dorf in Mittelengland, in dem ein Mädchen spurlos verschwindet, liegt zwar in einer beliebten Wandergegend, aber ansonsten ist seine Umgebung von künstlich angelegten Speicherseen, Windrädern und Nebel über dem Moor geprägt. Beste Zutaten für einen düsteren Noir-Thriller, möchte man meinen. Doch nichts liegt dem Roman "Speicher 13", der 2017 für den Man Booker Prize nominiert war, ferner.

Rebecca Shaw heißt das Mädchen, es ist dreizehn und mit seinen Eltern auf Urlaub im Dorf. Sie wollen den Jahreswechsel hier verbringen, doch kurz vor Silvester ist Becky plötzlich verschwunden. Die Suche nach ihr bleibt erfolglos. Die Polizei legt den Fall zwar auch Jahre später nicht zu den Akten, aber wirklich intensiv werden die Nachforschungen nicht mehr betrieben.

Information

Jon McGregor
Speicher 13

Roman. Übersetzt von Anke Caroline Burger. Liebeskind, München 2018, 352 Seiten, 22,70 Euro.

Der Kriminalfall ist ohnehin nur eine Art Auslöser für das Erzählen. Dreizehn Jahre umfasst die erzählte Zeit: dreizehn Jahre eines Dorfes, die von Kontinuitäten und Veränderungen, kleinen und größeren Dramen, Alltäglichem und Skurrilem geprägt sind. Und in denen immer mal wieder, im Laufe der Zeit immer seltener und sporadischer, das verschwundene Mädchen ins Bewusstsein dringt.

"Speicher 13" ist der Roman einer Dorfgemeinschaft (und erinnert in der Hinsicht an Sherwood Andersons "Winesburg, Ohio"). Das Besondere ist seine Erzählhaltung: Berichtet wird aus einer Art Vogel- oder Kameraperspektive, die ständig Neues in den Blick nimmt, mal näher heranzoomt, mal ferner bleibt, ins Innere der verschiedensten Figuren blickt oder sich mit Mutmaßungen und Hörensagen begnügt. Diesem Erzählerblick sind Ereignisse in der Natur, bei Tieren und Pflanzen, genauso wichtig wie der Alltag der Menschen. Seine untergründige Spannung bezieht der Roman aus dem Verschwundenbleiben des Mädchens, aber er verweigert sich konsequent jeglichem Krimiplot.

Das macht das Ende etwas enttäuschend; dennoch ist "Speicher 13" ein sehr eigenwilliges, aber lesenswertes Buch - über die Zeit und ihr beharrliches Vergehen.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-04-12 18:00:15
Letzte nderung am 2018-04-12 18:21:29



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