• vom 14.04.2018, 16:00 Uhr

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Des Putzis Kern




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Von Edwin Baumgartner

  • Der russisch-stämmige Schriftsteller und Maler Maxim Kantor legt in "Rotes Licht" einen Roman über sein Heimatland von der Revolution bis Putin vor.

Maxim Kantor wurde 1957 in Moskau geboren.

Maxim Kantor wurde 1957 in Moskau geboren.© apa/Hans Punz Maxim Kantor wurde 1957 in Moskau geboren.© apa/Hans Punz

Unterm Teufel tut’s Maxim Kantor nicht in seinem Roman "Rotes Licht", und nicht unter gefühlten eintausendzweihundertvierzehn Namen und siebenhundertdreiunddreißig Handlungsfäden, die Episoden nicht mitgerechnet. Am besten, man legt ein Register der Personennamen mit einer Kurzcharakteristik an, sonst verliert man den Faden in all dem Schwadronieren.

An dessen Beginn siechen Russland, Europa und die zentrale Gestalt des Romans ihrem Ende entgegen: "Der Held dieses Buches, der Jude Solomon Richter, lag im Sterben, so wie Europa und die Demokratie." In einem Moskauer Vorstadtkrankenhaus wartet der alte Historiker auf seinen Tod. Im Fernseher laufen Berichte über die Kämpfe im Donbass.

Bilderreiche Bilanz

Richter zieht Bilanz über ein russisches Jahrhundert von der Revolution bis zum Ukraine-Konflikt, und der Autor beschwafelt den Leser - das allerdings in einer bilderreichen und wandlungsfähigen Sprache, die den saloppen Tonfall der Satire bis zum Donnern der Apokalypse beherrscht.



Maxim Kantor, 1957 in Moskau geboren, ist seit 2016 deutscher Staatsbürger und lebt auf der Ile de Ré und in Berlin. Er verfügt über eine Doppelbegabung als Maler und Schriftsteller. "Rotes Licht", im Original 2013 veröffentlicht, ist sein erster Roman, der auf Deutsch erscheint. Nachdem der Autor die Besetzung der Krim kritisiert hat, ist er, eigener Aussage zufolge eben noch im Gespräch als Kulturminister, als Nummer 26 auf einer Liste der "100 Feinde Russlands" gelandet.

Information

Maxim Kantor
Rotes Licht

Roman. Übersetzt von Juri Elperin, Sebastian Gutnik, Olga Korneev, Claudia Korneev. Zsolnay, Wien 2018, 700 Seiten, 29,90 Euro.

Sicherheitshalber verließ er das Land. "Rotes Licht" erschien zuerst in der Ukraine, während in Russland nur der erste Teil herauskommen konnte; für den zweiten regte der Verlag Änderungen an, zu denen Kantor nicht bereit war. Andere Bücher Kantors können in Russland allerdings erscheinen.

Drei Generationen einer Familie, von der es überdeutlich ist, dass es sich um Kantors eigene handelt, sind in "Rotes Licht" verstrickt in die Geschicke Russlands. Solomon Richter ist ein Porträt von Kantors Vater, was eine Gestalt ergibt, die der Leser gerne begleitet, zu der freilich der allwissende Erzähler auch keinen Abstand gewinnt. In einer der zentralen Szenen des Romans inszeniert Kantor einen Dialog zwischen Richter und Hitlers Förderer Ernst "Putzi" Hanfstaengl als Auseinandersetzung zwischen Faust und Mephisto.

Putzi ist des Pudels Kern und eine Reverenz an den Voland von Michail Bulgakows "Meister und Margarita" obendrein. Bei den drei Großmüttern wiederum hört der Leser die Hexen aus Shakespeares "Macbeth" trapsen. Unablässig wirft Kantor dem Leser Namen und Anspielungen an den Kopf, Wissen und Halbwissen, Fakten und Fiktion. Das ist einerseits sehr russisch, andererseits sehr postmodern, doch bewirkt es hier nur, dass der Leser den nächsten Roman von Mircea Cărtărescu herbeisehnt, dem solche Maßlosigkeiten als Abbild einer aus den Fugen geratenen Welt weit unkonventioneller gelingen. Denn wenn bei Kantor der Böse schweigt, nimmt der Roman die Züge längst bekannter Revolutions- und Kriegsromane an. Artjom Wessjolys "Russland in Blut gewaschen" scheint indessen nur nahe und bleibt in Wahrheit doch in unerreichbarer Ferne.

Farbe gewinnt Kantors Roman dann, wenn sich in den Nebenhandlungen das russische Leben in all seiner Vielfalt, Tragik und wohl auch Absurdität ereignet. Kantors Szenerien erhellen da den Dünkel der Intelligenzija, den egozentrischen Wankelmut der Oligarchen und die Kurzsichtigkeit der Liberalen.

Stimme gegen Putin

Den russischen Präsidenten Wladimir Putin macht Kantor dabei in einer derartigen Ausschließlichkeit als das reine Böse aus, dass Stalin dagegen wie ein nicht einmal antisemitisch gesinntes Großväterchen anmutet. Putin erscheint als größenwahnsinniger Spießbürger, das Putin-Russland als Hölle. Dafür heißt es über Hannah Arendt: "Das knochige Gesicht einer unschönen jüdischen Frau hat zuweilen etwas sehr Maskulines". Aber in all dem Wortschwall ist auch das schon gleichgültig. Unbezweifelt bleibt, dass Maxim Kantor eine laute Stimme gegen Putin ist. Einen guten Roman ergeben Animositäten freilich nicht automatisch.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-04-12 18:04:13
Letzte Änderung am 2018-04-12 18:14:43


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