• vom 28.04.2018, 10:00 Uhr

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Von Andreas Wirthensohn

  • Der französische Schriftsteller Éric Vuillard leuchtet in seinem neuen Roman dunkle Episoden der deutschen und österreichischen Geschichte vor dem Zweiten Weltkrieg aus.

Meister der historischen Miniatur: Goncourt-Preisträger Éric Vuillard. - © l Saget

Meister der historischen Miniatur: Goncourt-Preisträger Éric Vuillard. © l Saget

Vom letzten Weltwirtschaftsforum in Davos, dort, wo sich politische und wirtschaftliche Macht alljährlich im Jänner ein Stelldichein geben, wird vor allem ein Auftritt in Erinnerung bleiben: Donald Trump trifft die Vorstandsvorsitzenden europäischer Unternehmen, und diese huldigen dem US-Präsidenten in peinlich devoter Manier. Joe Kaeser, Chef von Siemens, lobt die US-Steuerreform und kündigt an, die Gasturbinen, die er in Ostdeutschland nicht mehr bauen will, fortan in den USA zu produzieren. Und Bill McDermott, Boss des Softwareriesen SAP, versteigt sich sogar zu dem schulterklopfenden Versprechen: "Wir freuen uns darauf, Ihnen zu helfen, wie wir nur können."



Nun ist es nicht wirklich erkenntnisfördernd, Trump mit Hitler zu vergleichen, aber die Szene, die Éric Vuillard zu Beginn seines neuen Buches schildert, wirkt beklemmend ähnlich. 24 hochrangige deutsche Wirtschaftsführer haben sich drei Wochen nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Palais des Reichstagspräsidenten versammelt

Information

Éric Vuillard
Die Tagesordnung

Aus dem Französischen von Nicola Denis. Matthes & Seitz, Berlin 2018, 122 Seiten, 18,50 Euro.

Lesung und Diskussion mit Éric Vuillard am Freitag, 4. Mai 2018, um 18:30 Uhr im Institut Français, Praterstraße 38, 1020 Wien. Die Diskussion wird von Prof. Oliver Rathkolb moderiert; Übersetzung: Margret Millischer.

und warten auf den "Führer". Ergeben lauschen sie den Worten Hitlers und Görings, nicken andächtig und spenden für den "Wahlkampf" der Partei. "Dieses Treffen vom 20. Februar 1933, in dem man einen einmaligen Moment der Arbeitgebergeschichte sehen könnte, ein unerhörtes Zugeständnis an die Nazis, ist für die Krupps, die Opels und die Siemens nicht mehr als eine tägliche Episode des Geschäftslebens, ein banales Fundraising. Sie alle sollten das Regime überleben und in Zukunft mit ihren Erträgen noch weitere Parteien finanzieren."

Der "Ewigkeitsgehalt" dieser Episode aber besteht darin, dass diese 24 Männer nicht für sich stehen, sondern für 24 Firmen, deren Namen wir noch heute bestens kennen. "Sie sind hier, unter uns und zwischen uns. Sie sind unsere Autos, unsere Waschmaschinen, unsere Reinigungsmittel, unsere Radiowecker, unsere Hausversicherung und die Batterie in unserer Uhr. Sie sind überall, in Gestalt von Dingen. Unser Alltag ist der ihre."

Oder anders gewendet: Sie, die durch Kollaboration mit dem Regime, durch "Arisierung" und Zwangsarbeit groß wurden, haben noch nach 1945 davon profitiert und die Schuld, die sie auf sich geladen haben, nie beglichen. Und die Moral von der Geschicht’? Moralisches Verhalten sollte man von Wirtschaftsführern nie erwarten. Für sie zählt allein der Profit. Unter Hitler, unter Trump, im Umgang mit den Diktatoren in Peking oder wo auch immer - auch das ist eine Art "Ewigkeitsgehalt".




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-04-26 17:09:29
Letzte Änderung am 2018-04-26 17:35:40


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