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Update: 03.05.2018, 16:33 Uhr

Sachbuch

Die Weltanschauung der Wiener




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Von Katharina Hirschmann

  • Die Geschichte des Schmähs in leichtfüßigem Plauderton erzählt.

Personifizierte den Wiener Schmäh: Helmut Qualtinger.

Personifizierte den Wiener Schmäh: Helmut Qualtinger.© dpa/Horst Ossinger Personifizierte den Wiener Schmäh: Helmut Qualtinger.© dpa/Horst Ossinger

Sie wollen kurz und bündig wissen, was ein Schmäh eigentlich ist? Nun, in diesem Buch werden Sie es so nicht erfahren. Denn Edwin Baumgartner, Redakteur der "Wiener Zeitung", liefert keine Definition vom Schmäh, sondern erzählt Seite um Seite in leichtfüßigem Plauderton davon. Demonstriert es also am Exempel.

Das ist vor allem amüsant, wenn auch nicht nur. Doch das braucht eben seine Zeit. Denn so einfach ist es nicht mit dem Schmäh. Wie Baumgartner sagt: Wäre der Schmäh ein Bergsteiger, er würde nicht den direkten Weg zum Gipfel wählen, sondern den längeren, gemütlicheren. Das ist das, was den Schmäh vom Witz unterscheidet, dem es vor allem um die Pointe geht. So nähert sich der Autor dann doch dem Wesen vom Schmäh an, indem er einmal abklärt, was er alles nicht ist.

Information

Sachbuch

Schmäh. Die Wiener Antwort auf die Dummheit der Welt.

Edwin Baumgartner

Claudius Verlag

240 Seiten, 16 Euro

Journalistischer Schmähtandler

Er beleuchtet den Schmäh von allen Seiten, aus allen Perspektiven, immer anhand von Beispielen. G’schichterln, um genau zu sein. Das führt ihn in seine eigene Vergangenheit, und er erinnert sich an Figuren, die ihm selbst diese Urwiener Art, mit der Welt umzugehen, nähergebracht haben, und Ereignisse, die ihm widerfahren sind. Etwa jenes, wie er selbst zum Schmäh gekommen ist. Er enttarnt sich dabei - wer hätte das gedacht - als journalistischer Schmähtandler. Und immer kommt er von einem Gedanken in den nächsten, immer fällt ihm noch etwas ein, das er gerade unbedingt schnell einschieben muss. Ob er den Faden dann wieder aufnimmt oder nicht, ist nebensächlich. Schließlich geht es vor allem darum, ein G’schichterl zu drücken.

Das kann stellenweise ein bisschen anstrengend sein, weil man immer einen Faden liegen lassen muss, um kurzfristig einen anderen aufzunehmen und dann wieder zum ursprünglichen zurückzukommen. Aber darauf kann man sich getrost einlassen. Denn der Autor zeigt mit sicherer Hand den Weg durch die Wiener Schmählandschaft.

Dieser führt ihn vom Würstelstand, wo die Bestellung "A Eitrige mit am Gschissanen" nicht fehlen darf, übers Stammbeisl, den Zentralfriedhof (der Tod und Wien hegen ja bekanntlich quasi eine partnerschaftliche Zuneigung zueinander), manchmal steigt er auch ins Taxi. H.C. Artmann wird dabei ebenso hervorgeholt (denn der Schmäh funktioniert selbstverständlich nur im Dialekt wirklich gut) wie Helmut Qualtinger, Carl Mertz oder Georg Kreisler.

Zwischen diesen mehr oder weniger seriösen Abhandlungen über den Schmäh stehen immer wieder kleine Intermezzi, die nicht über Schmäh reden, sondern die selber einer sind. G’schichterln also, die den Schmäh verkörpern. Das kann zum Beispiel das Gespräch zwischen zwei Nachbarn sein, die sich ausgiebig über den dritten Nachbarn das Maul zerreißen und, wenn dieser schließlich dazustößt, mit ihm über einen vierten zu reden beginnen.

Immer liegt eine gewisse Liebenswürdigkeit in der Betrachtung des grantelnden, aber auch unehrlichen Wieners, der die Dinge lieber hinterrücks abhandelt. Verklärung? Stellenweise vielleicht, wenn Baumgartner nämlich den Schmäh in politischen Kreisen ausmacht, wo etwa die Bezeichnung "Negerkonglomerat" den damaligen FPÖ-EU-Spitzenkandidaten den Job kostete. Ihm hier einen missglückten Schmäh zu unterstellen, ist nicht mehr als Vermutung. Aber auch das ist ja dem Schmäh zu eigen, wie der Autor feststellt. Ob da immer alles so stimmt, wie man das erzählt, ist Nebensache.

Ausflug in die Etymologie

Im Grunde ist dieses Buch eine Liebeserklärung an die Wiener, deren Darstellung in ihrer grantelnden Spitzzüngigkeit, die auch eine Weltanschauung darstellt, auf den Punkt getroffen wird. Und neben all dem Spaß gibt es dann auch noch Informationen darüber, woher das Wort Schmäh nämlich wirklich kommen könnte - die jubelt Baumgartner dem Leser so beiläufig unter, dass er sich des Ausflugs in die Etymologie gar nicht bewusst wird.

"Eine leichte, amüsante Erzählweise gehört zum Schmäh dazu, aber der Schmäh legt es nicht auf die Pointe an." Genauso verhält es sich mit diesem Buch: Als Leser erfährt man hier nicht, was Schmäh ist, man erlebt es. Schmäh ohne.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-03 16:27:37
Letzte Änderung am 2018-05-03 16:33:20


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