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Ein undeutlicher Mann




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Von Otto A. Böhmer

  • Der deutsche Schriftsteller Hans Pleschinski würdigt seinen berühmten Zunftgenossen Gerhart Hauptmann mit dem ungewöhnlichen Roman "Wiesenstein".

Gerhart Hauptmann im Garten seiner Villa Wiesenstein, um 1942. - © Ullsteinbild

Gerhart Hauptmann im Garten seiner Villa Wiesenstein, um 1942. © Ullsteinbild

Eine Zeitlang war er der wohl berühmteste Dichter in Deutschland, ein Mann von Stand und repräsentativem Auftreten, der seine Außenwirkung dann auch über seine äußere Erscheinung bezog, den bemerkenswerten Kopf und das prächtig abstehende, weiße Haupthaar. So stellt man sich einen Dichter und Denker vor, der es im Leben zu etwas gebracht hat. Auch im Ausland galt Gerhart Hauptmann als deutscher Autor von Rang: 1912 wurde ihm der Nobelpreis überreicht. Mehr konnte danach nicht mehr kommen, und tatsächlich ist der Ruhm dieses Dichters in der Folge zurückgegangen - bedächtig, Schritt für Schritt, woran die politischen Umstände ihren Anteil hatten und ein kritisches Denken, das auf eine entschiedene Neubewertung der deutschen Vergangenheit drängte.



Gerhart Hauptmann ist der Sohn eines Gastwirts. Er besucht die Realschule, wird Praktikant in der Landwirtschaft und will Bildhauer werden. 1882 beginnt er mit einem Studium; Geschichte und Kunstgeschichte interessieren ihn, in Maßen auch die Philosophie, die ihm aber von vornherein etwas zu abstrakt vorkommt. Sein finanzielles Glück macht er in der Ehe mit einer begüterten Kaufmannstochter, die in der Liebe aber nur zweite Wahl bleibt.

Information

Hans Pleschinski
Wiesenstein

Roman. C.H. Beck Verlag, München 2018, 552 Seiten, 24,70 Euro.

Hauptmann ist auf der Suche, er möchte ans Ziel kommen, weiß aber noch nicht, wo und wie. Er reist viel (u.a. nach Italien, in die Schweiz, sogar nach Amerika); seinen Hauptwohnsitz verlegt er nach Berlin, wo er Anschluss an die dortigen Dichterkreise findet. Mit seinem Drama "Vor Sonnenaufgang" (1889), das einen Theaterskandal verursacht, gelingt ihm der Durchbruch. Hauptmann gilt bald als führender deutscher Bühnenautor. Obwohl er einen großbürgerlichen Lebensstil pflegt, hält man ihn für einen Anwalt der kleinen Leute, die in der Industrialisierung zu kurz gekommen sind. Sein bekanntestes Stück, "Die Weber" (1892), ursprünglich in schlesischem Dialekt geschrieben, wird vom Berliner Polizeipräsidenten persönlich verboten, was dem Erfolg keinen Abbruch tut - im Gegenteil.

Ähnlich erfolgreich wird seine Diebeskomödie "Der Biberpelz" (1893). Dass man ihn für einen Sozialisten hält, ist ihm nicht recht: "Ich stand der Sozialdemokratie nie besonders nahe (. . .). In die Tagespolitik wollte ich mich prinzipiell nicht einmischen".

So geht er einen eigenartig unentschlossenen Weg; seine Theaterstücke lassen sich fast alle politisch (miss?-)verstehen, ihr Autor indes, dem nationale Bestrebungen nicht fremd sind, möchte lieber seine Ruhe haben und allenfalls durch Ehrungen aufgestört werden. Von Widerstand oder auch nur handfester Oppositionspolitik will er nichts wissen: "(. . .) Daß wir gegen die Regierung, der wir unterstehen, nicht frondieren dürfen, ist eine Selbstverständlichkeit. Übrigens habe ich das auch als freier Schriftsteller niemals irgendeiner Regierung gegenüber getan. Dazu ist mein Wesen zu positiv eingestellt. Nicht im Gegenwirken sieht es das Heil, sondern im Mitwirken."




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-03 17:18:44
Letzte Änderung am 2018-05-03 17:32:51


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