• vom 07.05.2018, 09:30 Uhr

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John Freeman GIll

Die Geister New Yorks




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Von Alexander Kluy

  • US-Journalist John Freeman Gills besticht mit einer Liebeserklärung an das alte, untergegangene Manhattan und dessen Gebäude: "Die Fassadendiebe" - ein gelungenes Romandebüt.

Bedrohtes architektonisches Erbe New Yorks: typische Brownstone-Townhouses. - © Mike Tauber / Getty Images

Bedrohtes architektonisches Erbe New Yorks: typische Brownstone-Townhouses. © Mike Tauber / Getty Images

Liebeserklärungen an New York gab es viele - und gibt es noch immer, wenn auch in geringerem Ausmaß, zumindest was Manhattan betrifft. Weil kaum noch New Yorker Autoren dort wohnen, da die Mieten, ganz zu schweigen von Eigentumswohnungen, unleistbar geworden sind. Auch deshalb spielen New-York-Romane in der Regel in den anderen boroughs der Metropole, in der Regel in Brooklyn, und dort dann wiederum in Grätzeln wie Williamsburg, die gerade an der Kippe zur bereinigenden Gentrifizierung stehen.



Beschwörung des
Kulturerbes

Information

John Freeman Gill
Die Fassadendiebe

Roman. Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell und Nikolaus Hansen. Berlin Verlag 2017, 464 Seiten, 24,70 Euro.

Der Romandebütant John Freeman Gill ist diesbezüglich aktuell eine Ausnahme - und auch in vielerlei anderer Hinsicht exzeptionell. Denn seinen Roman "Die Fassadendiebe", nun von Bettina Abarbanell und Nikolaus Hansen gut übersetzt, hat Gill mit Mitte 50 vorgelegt, nachdem er ein Vierteljahrhundert für diverse US-amerikanische Zeitungen und Zeitschriften geschrieben hat, vornehmlich über Architektur und Bauen, etwa die Glosse "The Ghosts of New York" in "The Atlantic".

Die Geister New Yorks, insbesondere Manhattans, beschreibt und beschwört der Autor auch in seinem eleganten, klugen Roman, der im Jahr 1974 angesiedelt ist. Die Stadt steht kurz vor dem Kollaps und der finanziellen Pleite (diese trat wenig später auch tatsächlich ein), sie ist ein Ort des Untergangs, der Vernachlässigung, auch entfesselter Gier, vor allem was das Beseitigen historischer Gebäude betrifft. Und sie ist ein Ort des Zerfalls. Es ist die Zeit des Vietnamkriegs, des Watergate-Skandals, von düsteren und manischen Filmen wie "French Connection", "Das Verhör", von Martin Scorseses "Hexenkessel" und "Taxi Driver".

Griffin, 13, erlebt auch Zerfall, nämlich den seiner Familie nach der Scheidung der Eltern. Mit seiner überforderten hedonistischen Künstlermutter und seiner älteren Schwester, die ihre Träume von einer Schauspiel- und Tanzkarriere mutlos aufgibt, lebt er in einem schmalen Brownstone (Haus aus braunem Sandstein, Anm.), das seinem Vater gehört. Dieser ist Antiquitätenhändler, Restaurator, viel stärker, im Verborgenen, jedoch selbst ernannter "Retter" architektonischer Ornamente an älteren, vom Abriss und "Modernisierung" bedrohten Gebäuden.

Griffin wird, auch um die Liebe des Vaters zu erhalten, sein Gehilfe bei keineswegs ungefährlichen Nacht- und Nebelaktionen. Dabei sägen sie Wasserspeier ab, stemmen Terrakottafiguren und anderes aus Fassaden. Beim Abtransport einer in zahlreiche Teile zerlegten gusseisernen Fassade eines Gebäudes aus der Mitte des 19. Jahrhunderts kommt ihnen allerdings die Polizei auf die Spur und verhaftet zwei Gehilfen. Dem Vater hingegen gelingt es, rechtzeitig zu verschwinden.

Immerwährender
Wandel

Griffin macht ihn Monate später auf einer winzigen Insel vor New York ausfindig, zusammen mit einem riesigen Lager seiner obsessiv gehorteten Schätze. Und dann wird ein gewaltiger und gewaltig geschilderter Wirbelsturm zur Katharsis im Leben Griffins.

Verlust, Erinnerung und Gedächtnis, Werden und Vergehen, das Coming of Age eines Jungen und das stete Sich-Verjüngen einer gesamten Stadt, die immerwährender Wandel ist - Aufbau, Abriss, Neubau, und dabei für einen europäischen Blick bizarr gegenwartsfixiert - selten ist dies in der Gegenwartsliteratur so klug, historisch gesättigt und erzählerisch feinsinnig zusammengeführt worden wie hier.

John Freeman Gill bekannte in einem Interview, dass die Grundidee mehr als zwanzig Jahre alt sei, er die Arbeit am Manuskript aber abbrach, es liegen ließ und journalistisch umfassend über Architektur und Gebäude in New York City schrieb.

Älter, lebenserfahrener, zugleich leichthändig griff er den Text wieder auf. Routine merkt man dem Buch des routinierten Journalisten allerdings an keiner Stelle an. Vielmehr ist es ein beeindruckendes Debüt, so beeindruckend, dass man gar nicht glauben mag, dass dies ein literarischer Erstling sein soll. Denn der Tonfall Griffins, der alles im Rückblick schildert und wieder zum Dreizehnjährigen samt aller damit einhergehender sozialer wie physischer und emotionaler Probleme und tragikomischer Krisen wird, ist von Anfang an da, ist von Anfang an überzeugend.

Und er wird in dieser Ode, die zugleich ein intensiver, intensiv klagender Liebesnekrolog auf das historische, teils planlos untergegangene, teils politisch planvoll und aus Profitgründen demontierte bis blindwütig demolierte Erbe einer Stadt ist - das Stichwort lautete seinerzeit nicht nur am Hudson und East River, auch in Berlin oder Wien "Kahlschlagsanierung" -, von Gill bis zum Ende kraftvoll und stringent durchgehalten.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-03 17:21:38
Letzte Änderung am 2018-05-03 17:39:58



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