• vom 14.05.2018, 10:00 Uhr

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Der vergiftete Brunnen




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Von Peter Mohr

  • Julia Schochs sezierend-analytischer Roman "Schöne Seelen und Komplizen".



"Das war die große Freude beim Schreiben, dass man jedem Gerechtigkeit widerfahren lassen konnte", erklärte Julia Schoch kürzlich über ihren neuen Roman "Schöne Seelen und Komplizen". 16 Schüler eines Elitegymnasiums im Potsdam der Vorwendezeit stehen im Mittelpunkt der zweigeteilten Handlung. Der erste Teil ist in der Zeit zwischen 1989 und 1992 angesiedelt, die zweite, weitaus reizvollere Hälfte dreht sich um ein Klassentreffen ein rundes Vierteljahrhundert später.

Die große politische Wende und das eigene Erwachsenwerden der Figuren verlaufen simultan. Maximale Lebensumbrüche rekonstruiert die 1974 im brandenburgischen Bad Saarow geborene Autorin. Unsentimental, ohne den geringsten Anflug von Ostalgie, mit sezierendem, analytischen Blick.

Information

Julia Schoch
Schöne Seelen und Komplizen

Roman. Piper Verlag, München 2018, 313 Seiten, 20,60 Euro.

"Sie haben aus demselben vergifteten Brunnen getrunken. Sie sind infiziert mit dem Gift der alten Zeit", resümiert der leicht autistische Bodo, ein kopflastiger Einzelgänger, der am Ende des Romans Grüße aus dem Jenseits sendet und als unbestechlicher Freigeist über der Handlung schwebt. - Julia Schoch verknüpft erzählerisch diverse innere Monologe mit Zwischenbilanzcharakter. Mal humorvoll, mal staubtrocken, mal beinahe dokumentarisch exakt, mal oberflächlich lässt sie die Schüler später zurückschauen. Die Aneinanderreihung der mehr oder weniger gebrochenen Biografien bezieht ihre Stärke durch die Polyphonie, durch das Auseinanderklaffen der Lebenswege und der daraus resultierenden, unterschiedlichen Erinnerungs- und Reflexionsperspektiven.

Ruppert, der viel Zeit in Spielcasinos verbringt, wünscht sich "richtige Feinde"; Cornelia hat Karriere in der Pharmaindustrie gemacht und lebt auf der Sonnenseite der Gesellschaft; Historiker Alexander, den es in die USA verschlagen hat, fühlt sich via Internet durch seine Vergangenheit verfolgt; eine einstige Lehrerin tummelt sich im Fitnessstudio und Verlagsmitarbeiterin Lydia erinnert sich an ihren (unerfüllten) Traum aus der Potsdamer Schulzeit, Sar-tres "Die Fliegen" aufzuführen. Dem Stück (mit dem Satz "Geh, schöne Seele. Ich kann nichts anfangen mit schönen Seelen: einen Komplizen wollte ich") ist auch Schochs Romantitel entlehnt.

Unpathetisch, aber mit radikaler erzählerischer Wucht hat die Autorin diese Prosa-Mosaiksteine arrangiert, die sich (bewusst) nicht zu einem harmonischen Ganzen fügen. Unvollendete Lebensläufe, ein daraus resultierendes offenes Ende und das abgegebene Versprechen, über alles noch einmal reden zu wollen, bleiben am Schluss zurück.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-11 15:00:41
Letzte Änderung am 2018-05-11 15:34:27


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