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Von Uwe Schütte

  • Martin Walser legt in seinem neuen Roman eine ironische und zugleich schonungslos ehrliche Beichte ab. Ein Kolloquienband schärft das Profil des Autors nach.

Nicht zu stoppen: Martin Walser, Jahrgang 1927. - © Ullsteinbild/Ulrich Baumgarten

Nicht zu stoppen: Martin Walser, Jahrgang 1927. © Ullsteinbild/Ulrich Baumgarten

Martin Walser ist, selbst im 90. Lebensjahr, nicht zu stoppen: Nun ist er sogar unter die Blogger gegangen! Zumindest fiktional, denn sein neuer Roman "Gar alles" ist vorgeblich ein Weblog, den sein fiktionaler Protagonist Justus Mall beginnt, um so "Briefe an eine unbekannte Geliebte" zu schicken, wie der Untertitel verrät. Über den Zeitraum von Ende Oktober 2016 bis in den Hochsommer 2017 schüttet Mall sein liebessüchtiges Herz im Bekenntnismodus aus. Der Witz an einem solchen Fiktionsrahmen ist natürlich, dass dank des Internets die potentielle Zahl der Leserinnen recht hoch ist. Und in der Tat berichtet Mall über anonyme Rückmeldungen: "Von Hohn bis Teilnahme fehlte nichts. Aber Sie fehlten. Sie habe ich nicht erreicht. Sie sind ein Wunschbild. Das Inbild meiner Sehnsucht."



Emphaseprosa

Information

Martin Walser
Gar alles, oder: Briefe an eine unbekannte Geliebte
Roman. Rowohlt, Reinbek 2018, 112 Seiten, 18,50 Euro.


Wolfgang Herles und Siegmund Kopitzki (Hrsg.)
"Der erste unserer Sprachmenschen"
Neue Einsichten zum Werk von Martin Walser. Südverlag, Konstanz 2018, 192 Seiten, 20,60 Euro.

Bedenkt man, welche überdrehten Geständnisse Justus Mall in die Weiten des Internets sendet, kann das allerdings nicht erstaunen: Neben emphatischen Bekenntnissen zur Liebe über die Altersschranken hinweg, die Martin Walser ja in seinem Alterswerk zum Fundament seines Schreibens gemacht hat, lässt sich sein Held über verschiedene Episoden seines Schürzenjäger- und Schwerenötertums aus. Das alles in der gewohnt ironischen, zugleich (semi-)autobiografischen Bejahungs- und Emphaseprosa, in der Walser sich ohne Bekümmern um die Meinungen oder moralischen Standards der Öffentlichkeit ergeht. Und das ist nicht wenig souverän.

Sein Kommentar zur "#metoo"-Debatte ist eine witzige Episode, in der er berichtet, wie die harmlose Berührung des Oberschenkels einer jungen Frau mit der Spitze des Zeigefingers zu einem Medienskandal samt Verleumdungskampagne aufgeblasen wird. Er habe sie "grob begrapscht und dazu noch obszön geredet, nämlich: Ihr Rock sei kürzer als es die Straßenverkehrsordnung erlaube", behauptet die junge Frau, die ausgerechnet als Praktikantin für die "Süddeutsche Zeitung" gearbeitet habe und nun auf Anregung ihres Freundes die Gelegenheit zur eigennützigen Publicity nutzt: "Am Tag darauf war es in allen Zeitungen: Frauen müssten geschützt werden vor den Grapschern der Altherren-Riege."

Der Vorfall führt dazu, dass Walsers Protagonist, zum Zeitpunkt des Vorfalls noch ein Oberregierungsrat im bayerischen Justizministerium, seine Stellung verliert, um dann unter dem neuen Namen Justus Mall als freiberuflicher Philosoph Ratgeberbücher mit dubiosen Titeln zu verfassen. Natürlich ist es nicht unproblematisch, die aktuelle Kampagne gegen die sexuellen Nötigungen von Frauen derart ins Lächerliche zu ziehen, doch man kann Mall seine Unschuldsbeteuerungen glauben, denn aus seiner Sicht ist er allenthalben von sexuellen Reizen umgeben: "Wo du hinschaust, lächelt, lacht, grinst dir eine Frau entgegen und streckt etwas hin, ihre Haare, ihre Brüste, ihre Beine."

Das Ungezügelte

Walser geht es also nicht um die Ironisierung berechtigter feministischer Forderungen, sondern um die schonungslos ehrliche Beichte: "Walser weiß, dass sein Innenleben ‚unvorzeigbar‘ ist, und doch redet er darüber öffentlich. Er bringt das Verdrängte, Wilde, Ungezügelte zum Ausdruck, das in der öffentlichen Rede normalerweise nicht vorkommen darf."

Das sagte Jörg Magenau in seinem klugen Vortrag im Rahmen des Martin Walser-Kolloquiums, das anlässlich dessen 90. Geburtstags im März 2017 in Überlingen stattfand. Er ist nun greifbar im Band "Der erste unserer Sprachmenschen", der auch noch fünf weitere Vorträge enthält. Der Band umkreist das Phänomen Walser teils in einem hagiographischen Ton, bietet aber auch wertvolle Einsichten in das Profil dieses außerordentlichen Schriftstellers, der sich immer schon quergestellt hat, wenn es um Anpassung an den Zeitgeist ging.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-11 15:03:50
Letzte Änderung am 2018-05-11 15:29:00


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