• vom 13.05.2018, 13:00 Uhr

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Die Kunst des Durchschauens




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Von Otto A. Böhmer

  • Der deutsche Dramatiker und Essayist Botho Strauß handelt das Große und Ganze ab - auf beträchtlichem Niveau und ohne Verständigungsangebote zur Güte.





"Leben ist immer lebensgefährlich", wusste schon Erich Kästner, und wir wissen es auch. Diese Einsicht ist schlagend, und je länger ein Leben währt, in dem man sich als letztlich wohl doch nur zufällig anwesende Person einzurichten hatte, desto mehr stimmungsdämpfende Gedanken lassen sich daraus beziehen. Befördert vom Alter, auch vom Altersstress wird man zunehmend ungnädig und bekommt eine Vermutung eingespielt, die durchaus traditionsreich ist: Alles schon mal dagewesen, lautet sie in frei formulierter Fassung und weist damit, ausgehend von schlechter Gegenwart, auf eine Zukunft voraus, die man besser nicht mehr erleben möchte.

Information

Botho Strauß
Der Fortführer

Rowohlt, Reinbek 2018, 206 Seiten, 20,60 Euro.

Wertstoffhaltiger mutet da eher noch die Vergangenheit an, die sich meist nur über Erinnerungen zugänglich macht, denen jedoch, auch das wissen wir längst, nie ganz zu trauen ist. Wer sich aus solch dürregefährdetem Umland aufmacht, um als verdienter, überwiegend nicht mehr ganz junger Autor seine Gedanken zur Zeit aufzuschreiben, wird nicht überrascht sein, wenn man ihn ein weiteres Mal anstrengend findet und bereitwillig missversteht.

Wie die großen Alten

Mit seinem neuen Buch "Der Fortführer" gelingt dies Botho Strauß (Jg. 1944) auf beträchtlichem Niveau; er äußert sich zum Großen und Ganzen, und, locker mit eingestreut, auch zu Kleinkram, den er bedenklich oder gerade noch erträglich findet.

Der Titel des Buches ist Programm: Strauß führt fort, was die großen Alten einmal begonnen haben, ehe man ihnen, enthusiasmiert von den neuesten Influencern, das Wort entzog; dennoch oder gerade deswegen sind die Mühen des Weitermachens unverzichtbar: "Man ist Fort-Führer - oder es gibt einen gar nicht. Der Dichter führt vorangegangene Dichter fort. Der Dichter führt aber auch Leser fort, entfernt sie aus ihren Umständen, Belangen und Geschäften. - Macht ist Vermächtnis. Es lebe die Herrschaft, die dies ausruft und befolgt."

Dass der Dichter Strauß auch den Leser mit fortführen will, ist löblich; ob es gelingt, kann indes keineswegs als ausgemacht gelten. Dazu gibt es zu viel Behauptungsprosa in diesem Buch, dessen Tonfall sich am besseren Wissen ausrichtet und keine Verständigungsangebote zur Güte macht. Der Dichter hat Recht, daran lässt er, bis auf einige feinsinnige, fast heiter zu nennende Ausflüchte, die er uns gönnt, keinen Zweifel.

Die Kunst des Durchschauens, die Strauß betreibt, ist nur wenigen zugänglich; das bringt ihm keine Freundschaftsanfragen ein, was ihn aber nicht stören muss - geht es doch um die Sache des Denkens und ein Verstehen, das auf tiefergelegten, letztlich nicht einsehbaren Gründen beruht, für die sich die Mehrheiten, in denen unzählige Schlaumeier unterwegs sind, kaum mehr interessieren:




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-11 15:06:47
Letzte Änderung am 2018-05-11 15:36:10


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