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Von Christian Ortner

  • Undercover unter Reichsdeutschen: Tobias Ginsburgs Bericht über eine wachsende Szene.

Reichsbürger Joachim Widera posiert mit seinem "Deutsches Reich Reisepass" für einen Fotografen. Er erkennt die Bundesrepublik Deutschland nicht an. Die Szene erhält regen Zulauf. - © Patrick Seeger/dpa

Reichsbürger Joachim Widera posiert mit seinem "Deutsches Reich Reisepass" für einen Fotografen. Er erkennt die Bundesrepublik Deutschland nicht an. Die Szene erhält regen Zulauf. © Patrick Seeger/dpa

Sonntag, 8. April 2018, früh am Morgen: Schwer bewaffnete Spezialeinheiten der deutschen Antiterror-Truppe "GSG 9" und des "Mobilen Einsatzkommandos des Bundeskriminalamtes" stürmen die Wohnungen von acht Beschuldigten in Berlin, Brandenburg und Thüringen. Nicht etwa islamistische Terroristen waren da im Fadenkreuz der Ermittler, sondern sogenannte "Reichsbürger".

Etwa 15.000 von ihnen dürfte es derzeit geben, ein paar davon auch in Österreich. Sie anerkennen den Staat und seine Organe nicht, nennen Deutschland eine Firma - unter anderem, weil es "Personalausweis" heißt - und akzeptieren als staatliche Instanz nur ein deutsches Kaiserreich, das allerdings nur noch in ihrer Wahn-Welt existiert.

Information

Tobias Ginsburg: Die Reise ins Reich - Unter Reichsbürgern. Eulenspiegel Verlagsgruppe, 288 Seiten, 17,99 Euro

Vielfalt des Irreseins

Neuerdings, und deshalb die jüngsten Razzien, sollen sie sich an die Gründung einer Privatarmee gemacht haben. Nur: Was sind das bloß für Leute? Irre, Spinner, Nazis, Träumer oder einfach politisch stark Andersdenkende? Immerhin hat erst jüngst ein "Reichsbürger" einen Polizisten, der ihn in seinem Haus befragen wollte, kaltblütig erschossen, und viele von ihnen schikanieren Richter, Staatsanwälte und Ermittler mit dem Betreiben erfundener Forderungen in den USA.

Auf "Die Reise ins Reich" - so auch der Buchtitel - hat sich deshalb der deutsche Autor und Theaterregisseur (unter anderen am Akademietheater) Tobias Ginsburg 2017 aufgemacht, um ein Jahr unter dem Pseudonym Tobias Patera in diese skurrile Welt einzutauchen und niederzuschreiben, was er da so hört und sieht. Neu ist diese Welt nicht: "Die Szene hat in gewisser Weise ihren Ursprung im Jahr 1945, als erste Altnazis dachten, das Reich hätte länger andauern müssen, sich besetzt fühlten und später die BRD nicht anerkennen wollten." Heute herrscht eher die Vielfalt des Irreseins: "Die "Reichsbürger" sind sehr offen für verschiedene Milieus - für esoterische, rechte, linke, faschistische, neonazistische Vorstellungen.

Für viele Menschen steht am Anfang ein Schicksalsschlag, gefolgt von Zweifeln und ersten Auseinandersetzungen mit Verschwörungstheorien. Wenn etwa ein Mensch seinen Partner aufgrund von Krankheit verliert, können danach Zweifel an der Schulmedizin entstehen. Vielleicht setzt sich der Mensch mit alternativen Heilmethoden auseinander und betritt schließlich einen Bereich, in dem behauptet wird, die Schulmedizin, aber auch die Politik und die Medien lügen Bürger bewusst an.

Das ist schon sehr nah an vielen Ansichten, die "Reichsbürger" teilen. Der Einstieg in die Welt der Verschwörungstheorien verläuft sehr viel schneller, als man sich das vorstellen mag. Typisch für diese Milieus ist die Überzeugung, dass Deutschland der Untergang droht, weil Juden, Logen, Amerikaner oder wer auch immer die Deutschen knechten würden. Anzunehmen, dass Freimaurer, die internationale Hochfinanz, die Rothschilds, die Bilderberger und wer auch aller noch sich verschworen haben, eine "Neue Weltordnung" zu errichten, gehört da zum guten Ton. Doch dabei bleibt es nicht.

Unwissentlich Nazi

"Esoteriker und Ufologen gehören genauso dazu wie gewaltbereite Mittelständler oder ein früherer ARD-Korrespondent. Manche träumen von Ostpreußen, andere vom Weltraum. Eines aber eint diese Leute: Man kann Nazi sein, ohne es zu wissen." Die fand Autor Ginsburg bei seinen Erkundungen auch dort, wo er sie vorerst nicht vermutete: in Landstrichen, "die mir auf den ersten Blick vertraut schienen. Wo man Globalisierungs- und Kapitalismuskritiker antrifft, Ökos und Alternative, die aber demselben Verschwörungsglauben verfallen sind und meinen, nicht regiert, sondern von internationalen Eliten verwaltet zu werden". Nicht ohne feine Ironie erwähnt der Autor am Anfang des Buches, unter einer "klinischen Depression" zu leiden, was ihm ungemein erleichtert habe, ins Milieu der Reichsbürger glaubwürdig als leicht desorientierter Looser einzutauchen, ohne aufzufliegen.

Dass er sich gelegentlich allzu sehr im Detail verliert, mindert den Erkenntniswert des wirklich lesenswerten Buches nicht im Geringsten. Waffen oder Sprengstoffe fanden die deutschen Anti-Terror-Polizisten bei den jüngsten Razzien im Reich der Reichsbürger übrigens nicht.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-17 16:27:51
Letzte Änderung am 2018-05-17 19:40:12


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