• vom 02.06.2018, 17:00 Uhr

Bücher aktuell


Literatur

Wohin mit all dem Zeug?




  • Artikel
  • Lesenswert (2)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Shirin Sojitrawalla

  • Mehr ein erzählender Essay als ein Roman: Margit Schreiners neues Buch erörtert die Platzprobleme unserer Tage.

Margit Schreiner, 1953 in Linz geboren.

Margit Schreiner, 1953 in Linz geboren.© ullstein bild/Brigitte Friedrich Margit Schreiner, 1953 in Linz geboren.© ullstein bild/Brigitte Friedrich

Die oberösterreichische Schriftstellerin Margit Schreiner bringt die Dinge seit jeher plaudernd auf den Punkt. Dabei richtet sie einen sehr ungerührten Blick auf die Menschen und Dinge, die sie umgeben. Diesmal plagen sie Platzprobleme. "Kein Platz mehr" heißt das Buch, das sich Roman schimpft und doch eher ein erzählender Essay genannt werden müsste. Das wunderbar prosaische Ich der Autorin meldet sich darin zu Wort, um von den Platznöten im eigenen und im Leben von Freunden und Bekannten zu schreiben.

Es fängt mit vollgerümpelten Schriftstellerwohnungen an, in denen sich Zeitungen, Notizen und Bücher bis unter die Decke stapeln. Kein richtiger Leser oder Schreiber, wer sich da nicht wieder entdeckte. Doch nicht nur Hobby und Beruf lassen die Räume anschwellen, sondern auch die Lebensform Familie: "Familien sind ja die allergrößten Sammler überhaupt. Das liegt zum Teil daran, dass die Gegenstände, die im Laufe einer Familienentwicklung gebraucht werden, variieren. Für kleine Kinder sind es Schwimmreifen, Spielzeugautos, Dreiräder, für mittlere Kinder Fahrräder, Rollerblades, Surfbretter, für jugendliche Kinder Computer, Drucker, iPhones, MP3-Player, Flachbildschirme etc. Wer nicht sofort ausmistet oder nicht mehr Gebrauchtes bei eBay weiterverkauft, bleibt auf allem sitzen."

Information

Margit Schreiner
Kein Platz mehr

Roman. Schöffling & Co, Frankfurt am Main 2018, 175 Seiten, 20,60 Euro.



Wer kennt das nicht? Ab einem gewissen Alter wird das Wörtchen "Ausmisten" zur magischen Glücksformel. Ab einem gewissen Alter, denn junge Menschen interessieren sich null für den anschwellenden Bücherberg; ihr Sammeln und Horten ist noch ungetrübt vom Gedanken an das kommende Ende. Kein Wunder also, dass Schreiner ihre Klage über den permanenten Platzmangel mit einer Klage über das Älterwerden verquickt. Es sind meist unverschämt gut gelaunte Klagelieder, die sie in diesem Buch anstimmt, und doch kann der Ton - bezogen auf ihren Beruf und die Härten einer freiberuflichen Existenz als ältere Autorin - mitunter auch hart und bitter werden. Den ständigen Produktionsdruck und die Vermarktungsstrategien des Literaturbetriebs beschreibt Schreiner präzise - und folgert, dass der Kriminalroman heute die einzig adäquate Literaturgattung sei.

Platzmacher Tod

Wie in anderen ihrer Bücher schreibt sie auch diesmal eng an ihrem autobiographischen Ich entlang, ohne sich und ihr Leben auszustellen. Viel eher stellt sie lässig die Allgemeingültigkeit gemachter Erfahrungen unter Beweis. Das Älterwerden und der Tod sind die eigentlichen Themen ihres Buches, womöglich aller ihrer Bücher.

"Wahrscheinlich ist der Sinn des Todes, endlich Platz zu machen", heißt es an einer Stelle, was nicht so ulkig gemeint ist, wie es auf den ersten Blick aussehen mag. In ihrem großen Abschiedsbuch über den Tod der Mutter, "Heißt lieben", schildert Schreiner gewohnt nüchtern und doch empathisch exemplarische Erfahrungen im Umgang mit der Entsorgung von Menschen und Dingen. Auch in ihrem neuen Buch steht sie als eine Art Stellvertreterin vor uns, die an ihrem Leben ein Exempel statuiert.

Die Literaturkritikerin Daniela Strigl fasste das in ihrer Laudatio anlässlich des österreichischen Würdigungspreises für Literatur 2010 präzise zusammen: "Alle Bücher Margit Schreiners sind so etwas wie erfundene Autobiographien. Sie erzählen radikal subjektiv von sehr allgemeinen Problemen." Es ist auch ein Spiel mit den Möglichkeiten des eigenen Lebens.

Dabei legt Schreiner wieder einen köstlichen Sinn für die Komik des Seins an den Tag, etwa wenn sie beschreibt, wie sie mit ihrem Mann versucht, das Häuschen in Italien vom Müll zu befreien und sie die ganze Umgebung nach Mülltonnen absuchen, ja, regelrechte Ausflüge zu den Müllcontainern der Region unternehmen. Das trägt loriothafte Züge und erzählt wie nebenbei auch von der öffentlichen Misere in Italien.

Nebenbei Gesagtes

Ihr ureigenes Thema aber scheint die emotionale Not zu sein. "Verzweifelt sind wir alle", schreibt die Autorin lapidar und erweist sich auch in ihrem neuen Buch als große Trösterin. Dass das Leben ohne positive Einstellung kaum auszuhalten wäre, diese Lektion erteilt Margit Schreiner wie einen problemlos zu lernenden Zaubertrick. Dabei betrachtet sie das Leben in seiner ungeschminkten Launenhaftigkeit. Neben dem Platzmangel ist die überall fehlende Ruhe ein weiteres Thema.

Zuweilen fühlt man sich beim Lesen, als lausche man Selbstgesprächen einer angry old woman. Mitunter wird es nämlich auch grob, emotional wie sprachlich, und die Selbsterkundungen der Autorin kippen ins selbstgerecht Apodiktische. Dabei verbirgt sich das Eigentliche nicht selten im nebenbei Gesagten. Es ist der Plauderton, der dazu führt, dass man diese Schriftstellerin oft unterschätzt. Schreiner beherrscht diesen Ton und kann fabelhaft böse werden damit. Dabei scheint kein Wort gelogen. Echt wahr.





Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-30 16:55:18
Letzte Änderung am 2018-05-30 17:10:45


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. platz satz
  2. Auf in die digitale Diktatur
  3. Eine weiße Chrysantheme
Meistkommentiert
  1. Zaungäste Europas
  2. Moraliteratur
  3. Hommage an Helmut Qualtinger

Werbung




Werbung