• vom 03.06.2018, 15:00 Uhr

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Mord in Mischerzähltechnik




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Von Irene Prugger

  • "Friedinger", der erste, unterhaltsame und autofiktive Roman des österreichischen Autors Stefan Kutzenberger, enthält auch Thriller-Elemente.

Kunstvoll ineinander verschachtelte Erzählebenen: Stefan Kutzenberger. - © www.corn.at/Deuticke

Kunstvoll ineinander verschachtelte Erzählebenen: Stefan Kutzenberger. © www.corn.at/Deuticke

Um welche literarische Gattung handelt es sich hier eigentlich: um eine Biografie, eine Autobiografie, eine reportagenhafte Erzählung, um einen Familien- und Beziehungsroman, oder vielleicht um einen Krimi? Stefan Kutzenbergers literarischer Erstling streift mehrere Genres und ist autofiktional angelegt.

Dazu lässt man am besten den in Wien lebenden österreichischen Autor und Literaturwissenschaftler selbst zu Wort kommen. In einer Knausgard-Rezension schrieb Kutzenberger folgendes: "Und tatsächlich boomt am Buchmarkt länder- und sprachübergreifend das Spiel mit der Autofiktion. Der Begriff ,Autofiktion‘ ist unscharf definiert und wird in der Regel als Hybrid zwischen Roman und Autobiografie gesehen: Autor, Erzähler und Protagonist teilen einen Namen, die Texte sind aber als Roman gekennzeichnet."

Information

Stefan Kutzenberger
Friedinger

Roman. Deuticke, Wien 2018, 254 Seiten, 22,70 Euro.

Eine Ablenkung

Das boomende Spiel mit der Autofiktion hat ihn offensichtlich auch als Autor gefesselt: Stefan Kutzenberger alias Stefan Kutzenberger berichtet in seinem Buch über die große Sehnsucht, Schriftsteller sein zu wollen. Aber er kann sich erstens nicht für ein bestimmtes
literarisches Projekt entscheiden, und zweitens hält ihn auch das
Familien- und Berufsleben vom bisher noch kaum begonnenen
Roman ab.

Als er von seiner Frau einen Schreibaufenthalt in Griechenland geschenkt bekommt, wird er allerdings erst recht wieder abgelenkt, einerseits von zwei hübschen französischen Urlauberinnen, andererseits von einem ehemaligen VÖEST-Physiker namens Friedinger, der dem Möchtegern-Schriftsteller eine Geschichte erzählt, die mitten in einen Politskandal aus den 1980er Jahren hineinführt - mit mysteriös zu Tode gekommenen Menschen, illegalen Waffenlieferungen, Drohszena-rien und einem unentdeckten Kunstraub. So kommt Kutzenberger zu einem interessanten Stoff, den er dann auch umgehend literarisch verarbeitet.

Wie man sieht: Ablenkung, die größte Feindin der Schriftsteller, kann auch eine gute Freundin sein, wenn sie, wie in diesem Fall, für Inspiration sorgt. Selten wurde eine Schreibblockade mit so großer Erzählfreude und Schreibseligkeit beschrieben, selten wurde auf die damit verbundenen Selbstzweifel so amüsant hartnäckig insistiert:

"Wenn ich aber keine Geschichte erzählen konnte, warum wollte ich dann Schriftsteller werden? Ich kann auch keine Leute nachmachen, unmöglich, einen Akzent oder Dialekt nachzuahmen, keine Chance, das Typische einer Figur festzuhalten, ausgeschlossen, Beispiele für Charakterzüge zu finden. Warum wollte ich dann Romane schreiben?"

Vielleicht deshalb, weil er es doch kann, der Kutzenberger, was er auf über 250 klugen, skurrilen, selbstironischen und unterhaltsamen Buchseiten mit kunstvoll ineinander verschachtelten Erzählebenen eindrucksvoll beweist.

Perspektivenwechsel

Die Spannung erreicht zwar trotz glaubwürdig eingebauter Krimi-Elemente nie Thrillerintensität, aber das ist wohl auch gar nicht beabsichtigt bei diesem genreübergreifenden Konzept. Wegen der komplexen Erzählkonstruk-
tion mit ständigen Perspektiven- und Zeitenwechseln stellen sich allerdings beizeiten Ermüdungserscheinungen ein, offensichtlich auch beim Autor beziehungsweise Erzähler: "Ich hatte das Interesse an diesem in Linz spielenden Krimi verloren, wollte nur noch die Auflösung wissen, nicht die ganze Geschichte darum herum."

Ein paar Seiten zu überblättern, kommt trotzdem nicht in Frage. Man könnte eine ganz besondere, von Kutzenberger stilsicher formulierte Passage verpassen.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-30 17:04:10
Letzte Änderung am 2018-05-30 17:06:23


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