• vom 31.05.2018, 15:30 Uhr

Bücher aktuell

Update: 13.06.2018, 17:19 Uhr

Sachbuch

Trump, Zeichen unserer Zeit




  • Artikel
  • Lesenswert (1)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Alexander Kluy

  • Psychiatrieprofessor Allen Frances legt eine pointierte Analyse der USA vor.

Was passiert, wenn ein emeritierter Professor für Psychiatrie und Verhaltensforschung wie der 1942 geborene Allen Frances, der lange an der Duke University im US-Bundesstaat North Carolina lehrte, an einem Buch schreibt und realisieren muss, dass ihm die Realität, die er unter die Lupe nimmt, enteilt? Mehr als zwei Jahre vor der letzten Präsidentschaftswahl in den USA begann Frances, der im maßgeblichen psychiatrischen Handbuch "Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders" den Artikel über narzisstische Persönlichkeitsstörung verfasste, sein Heimatland auf die Couch zu legen. Und zu fragen, wieso so vieles schiefläuft, woher Kurzsichtigkeit und Verblendung kommen und was zu korrigieren ist.

Und dann kam Donald Trump. Was seine Analyse noch akuter machte. Denn wieso konnte dieser Mann reüssieren? Bündeln sich nicht alle Defizite in diesem einen Individuum? "Trump ist ein Symptom einer Welt in Not, nicht ihre alleinige Ursache." Und: "Wir können nicht hoffen, Trump ändern zu können, aber wir müssen daran arbeiten, die gesellschaftlichen Hirngespinste aufzulösen, die ihn erschaffen haben", so Frances.


Clinton attestiert er fehlende Überzeugungskraft. Sie habe distanziert gewirkt, Trump, "ein gewiefter Quacksalber, der Schlangenöl verhökert", volksnah und alles rosarot einfärbend. Selbst wenn er mit Lügen seine eigenen Lügen konterkarierte. Clinton fand, so Frances, stets die richtigen Worte, war aber taub, wenn es um die Melodie ging. Sie versagte als Wahlkämpferin, während Trump im Modus permanenten Wahlkampfes war. Und noch immer ist - Kennzeichen übrigens aller Populisten.

Weil er nach Bewunderung giert, die ihm seine Claqueure eifrig bieten. Hätte Frances die Überzeichnung reduziert, seine Analyse würde von allen gelesen werden. Und nicht nur von jenen, die ihm zustimmen. Er spricht alles an: Demokratieverachtung, Gefährdung der Gewaltenteilung, die hämische Herabsetzung von Minderheiten, die die Gesellschaft spaltet und so die eigene Anhängerschaft durch das Beschwören von Ängsten und Szenarien der Verunsicherung aktiviert. Dazu Hass, Ungleichheit, Rassismus, Frauenfeindlichkeit, Waffenobsession. Das hat man aber so schon in vielen politischen Kommentaren gelesen. Eine tiefenpsychologische Ausleuchtung der Psyche Amerikas, zugegebenermaßen kein kleines Unterfangen, vermisst man.

Sachbuch

Amerika auf der Couch.
Ein Psychiater analysiert
das Trump-Zeitalter

Allen Frances

Aus dem Englischen von Kathrin Bielfeldt und Jürgen Bürger.

DuMont Buchverlag,
480 Seiten, 26,80 Euro




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-31 15:37:05
Letzte Änderung am 2018-06-13 17:19:21


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Verlust der Selbstständigkeit
  2. Pionierin des Atomzeitalters
  3. platz satz
Meistkommentiert
  1. Moraliteratur
  2. Hommage an Helmut Qualtinger
  3. Pionierin des Atomzeitalters

Werbung




Werbung