• vom 11.06.2018, 11:00 Uhr

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Glück ist Illusion




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Von Alexander Kluy

  • Iris Murdochs erbarmungslos humorvoller Roman "Ein abgetrennter Kopf".



Martin liebt Antonia. Und er liebt Georgie. Antonia liebt Palmer, ihren Psychoanalytiker. Dieser liebt seine unansehnliche Stiefschwester Honor, eine Ethnologin. Währenddessen verliebt sich Antonia in Martins bildhauernden Bruder Alexander. Der will aber Georgie heiraten. Am Ende brechen Palmer und Georgie in ein neues Leben auf. Dafür sind Martin und Honor zusammen. Und, ach ja, Antonia hat lange schon eine Affäre mit Alexander.

Information

Iris Murdoch
Ein abgetrennter Kopf

Roman. Übersetzt von Maria Hummitzsch. Piper, München 2017, 336 Seiten, 24,70 Euro.

Um den Weinhändler und verhinderten Militärhistoriker Martin (Lieblingsthema: Strategien großer Generäle des Dreißigjährigen Krieges) mit dem sprechenden Nachnamen Lynch-Gibbons entspann in den frühen swinging sixties (was hier durchaus wörtlich zu nehmen ist) die englische Autorin Iris Murdoch ein erotisch-emotionales Wechselspiel der Extraklasse. 1961 erschien "A Severed Head", die zwei Jahre spätere deutsche Übersetzung wird nun durch eine sehr gelungene Neuübertragung ersetzt. Es ist ein in London und der englischen Countryside angesiedeltes, meisterhaftes sardonisches Kabinettstück, das geradezu zeitlos anmutet. Ein Così fan tutte, so machen es alle, so machen sich alle kaputt, ohne jeden Anflug von Patina. Staunenswert ist, wie stabil labil seit 1960 die moralisch-amourösen Vorstellungen und Verstellungen geblieben sind.

Zugleich entlarvt Murdoch in blendenden sarkastischen Dialogen und in einem bitterbösen, sehr ironischen, dabei zutiefst hinterhältigen Konversationston die damals modisch grassierende Psychoanalysewelle und haarsträubend harmonisierende Pseudoverständnistendenzen.

Der Leser reibt sich immer wieder die Augen und fühlt sich wie in einem der besten Filme Woody Allens. Denn Komik, freiwillige wie unfreiwillige, ist in diesem von Murdoch in elegante Prosa überführten, erbarmungslos humorvollen, klug dirigierten schwarzgalligen Ringelreihen ebenso Gebot wie es urverlogene Selbstverblendung ist.

Keiner der Protagonisten kommt heil aus dem Gemetzel heraus. Jeder wird unter dem erzählerischen Vergrößerungsglas zur erbärmlichen Zerrfigur. Glück ist Illusion, Täuschung Basismuster. Und Liebe? Ach, Liebe. Wie heißt es in Shakespeares "Viel Lärm um nichts"? Zwei- oder dreimal durchgeschnitten ist Cupidos Bogensehne.

Iris Murdoch (1919-1999), in Oxford und Cambridge ausgebildete Philosophin und Hochschuldozentin, zählt zu jenen englischen Schriftstellerinnen - zu nennen wären da etwa Penelope Fitzgerald und Margery Sharp, Barbara Pym, Muriel Spark oder die deutlich jüngere Angela Carter -, deren Romane über nicht wenige Jahre hinweg ins Deutsche übertragen wurden, aber hierzulande dann dem literarischen Vergessen anheimfielen, und deren viele Bücher (Murdoch allein publizierte 25 Romane) heute überwiegend vergriffen sind.

2002 erschien noch, infolge des nicht unumstrittenen Biopic "Iris", Peter J. Conradis monumentale Murdoch-Biografie auf Deutsch ("Leben", Deuticke); seither ist das Interesse an der Autorin sukzessive und deutlich abgekühlt.

Was sich im Schlagschatten von Iris Murdochs 100. Geburtstag am 15. Juli 1919 unbedingt ändern sollte. Denn den Biss und die Verve von "Ein abgetrennter Kopf" kann man immer und überall genießen.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-07 17:52:15
Letzte Änderung am 2018-06-07 18:03:01


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