• vom 09.06.2018, 09:30 Uhr

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Literatur

Ekstatische Detailversessenheit




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Von Bruno Jaschke

  • Die US-Autorin Lydia Davis erkundet in ihrem schönen Band "Samuel Johnson ist ungehalten" wieder akribisch Dinge, die man gemeinhin nicht so genau ansieht.

Kein Genre domestiziert ihre Texte: Lydia Davis (aufgenommen von ihrem Sohn).

Kein Genre domestiziert ihre Texte: Lydia Davis (aufgenommen von ihrem Sohn).© Theo Cote (Detail) Kein Genre domestiziert ihre Texte: Lydia Davis (aufgenommen von ihrem Sohn).© Theo Cote (Detail)

"Samuel Johnson ist ungehalten: dass Schottland so wenige Bäume hat." Das ist - der Droschl-Verlag möge es nachsehen - die vollständige Titelgeschichte aus Lydia Davis’ jüngstem in deutscher Übersetzung vorliegenden Band. Ein Buch, dem kein formales Regelwerk zugrundezuliegen scheint.

Manche Geschichten bestehen nur aus einem kurzen Satz, andere wiederum sind um die 20 Seiten lang. Einige entsprechen grob dem Typus der Kurzgeschichte, andere muten an wie Skizzen, wieder andere könnten notdürftig als Aphorismen durchgehen. Auch längere Texte sträuben sich gegen ihre Domestizierung durch eine literarische Gattungsbe-zeichnung - etwa ein Interview mit einer Geschworenen, bei dem die Fragen ausgeblendet sind.

Exzellenter Stil

Das Cover nennt diese uneinheitlichen Schriftwerke einfach "Stories". Mehr Aussagekraft hätte freilich die nicht minder schlichte Definition "Texte von Lydia Davis". Denn so wenig diese Mischung aus verschiedenen Erzähl- und Übermittlungsformen zusammenzupassen scheint, so charakteristisch ist sie für die 1947 in Massachussetts geborene Autorin, die es erst nach ihrer fünfjährigen Ehe mit dem Star-Autor Paul Auster zum "bekanntesten Geheimtipp des literarischen Amerika" ("Die Zeit") brachte. Denn solche Bücher hat Davies bereits zahlreiche herausgebracht, und innerhalb der letzten zehn Jahre sind einige davon auch in deutscher Übersetzung bei Droschl erschienen: "Formen der Verstörung" etwa oder "Kanns nicht und wills nicht".



Immer mischen sich in ihnen sehr kurze mit langen Texten, immer enthalten sie auch einen länglichen Rekurs auf historische Personen - diesfalls handelt er von Marie Curie. Obwohl Davis also bei dieser Art von Büchern grundsätzlich stets dasselbe anbietet, nützen sie sich nie ab. Das verhindern Davis’ exzellenter Schreibstil, der alle Register von der kunstvollen Verspieltheit bis zum blanken Sarkasmus zu ziehen imstande ist, und ihr Instinkt für Zuspitzungen und subtile Wendungen.

Information

Lydia Davis
Samuel Johnson ist ungehalten

Stories. Übersetzt von Klaus Hoffer. Droschl, Graz 2017, 213 Seiten, 22,- Euro.



Davis kann - vor allem in ihren kürzeren Texten - sehr lustig sein. "Mündlich überlieferte Geschichte (mit Schluckauf)" etwa lässt an den Stellen, wo der Hickser einsetzt, ein Leerzeichen: "Was mir Sorgen bereitet, sind ein paar politische Dinge." Davis’ größter Trumpf freilich konveniert eher mit der Langstrecke: Ihre nachgerade ekstatische Detailversessenheit, die sie gerne jenen Dingen, Problemen und Fragen zukommen lässt, die man gemeinhin nicht so genau anschaut.

In einer Erzählung wappnet sich eine Frau geistig für die Tage, da sie alt und allein sein wird, und gelangt zur Einsicht, dass sie glückliche Erinnerungen brauchen wird, auf die sie zurückgreifen kann. Und kommt drauf, wie heikel es ist, glückliche Erinnerungen als solche zu bewahren: Wenn man bei einem Ausflug zu zweit Spaß hatte, aber der Dritte verärgert zu Hause saß, wird daraus keine glückliche Erinnerung resultieren. Wenn man mit mehreren Menschen in guter Stimmung ein Brettspiel beendet hat, darf kein späteres Spiel diese Stimmung ruinieren.

Alltag & Alter

Im "Schilddrüsentagebuch" geht die Protagonistin systematisch alle Möglichkeiten durch, die Langsamkeit ihres Denkens zu ergründen und zu verbessern - und scheitert dabei stets am Paradoxon, dass ihr einziges Instrument zur Beobachtung ihres Denkens ihr Gehirn ist: "Wenn es langsam ist, dann weiß es nicht unbedingt, dass es langsam ist, da es mit dem Tempo weitermacht, das ihm zu entsprechen scheint."

Neben (durchwegs weiblichen) Personen, deren "Funktionieren" im Alltag mehr oder weniger schwer beeinträchtigt ist, neben den (bisweilen recht einfallsreichen) Gemeinheiten, mit denen sich Menschen im Alter gegenseitig das Leben schwer machen, gehört zu Davis’ Kern-Themen das Setzen von Prioritäten: So räsoniert sie, dass sie ein altes Wörterbuch, dessen Rücken beschädigt ist, pfleglicher behandelt als ihren Sohn, und versucht daraus Kausalketten abzuleiten, die zu ihrem Hund und ihren Zimmerpflanzen führen - und sich durchwegs nicht ausgehen. Darüber nachzudenken, war es aber allemal wert.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-07 17:55:18
Letzte Änderung am 2018-06-07 18:07:27


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