• vom 09.06.2018, 17:00 Uhr

Bücher aktuell


Literatur

Poesie der planvollen Prügelei




  • Artikel
  • Lesenswert (1)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Peter Jungwirth

  • In seiner großen Studie "Faust und Geist" untersucht Wolfgang Paterno den Zusammenhang zwischen Boxsport und Literatur - mit besonderer Berücksichtigung der Schwergewichte Brecht und Musil.



Bertolt Brecht (r.) mit dem Boxer Paul Samson-Körner, 1928.

Bertolt Brecht (r.) mit dem Boxer Paul Samson-Körner, 1928. Bertolt Brecht (r.) mit dem Boxer Paul Samson-Körner, 1928.

Am Gipfel der Popularität war der Boxsport vermutlich zur Zeit von Muhammad Ali, einem sportlichen Ausnahmetalent und Marketinggenie, der von sich selbst großspurig sagte, er sei der "Größte" - und der auch tatsächlich zu einem der bekanntesten Menschen auf dem Globus wurde.

Seit dem Abdanken dieses großen Charismatikers ist das Boxen in den medialen Schatten anderer Sportarten gerückt und hat sich, sehr vornehm ausgedrückt, zu einem "geheimnisfernen Feld von Geschäftstüchtigkeit und Gewinnsucht gewandelt". Mit deutlicheren Worten: Boxen ist langweilig geworden. Und heute kein großes Thema mehr. Schon gar nicht für das Feuilleton.

Urbanes Spektakel

Das war allerdings nicht immer so. Und der historische Zeitpunkt, an dem der Boxsport von einem vollkommen unbedeutenden Phänomen schlagartig zu einem urbanen Spektakel allerersten Ranges wurde, lässt sich ziemlich exakt datieren: In Österreich waren "öffentliche Box-Abende" bis 1919 verboten, und in New York wurde "Preisboxen 1920 legalisiert".



Danach ging es, in Europa und den USA, schnell: Am 23. September 1926 kamen bereits rund 100.000 Menschen ins Stadion von Philadelpia, um Jack Demp- sey und Gene Tunney zu sehen, die um die Weltmeisterschaft im Schwergewicht kämpften, und die "New York Times" widmete dem Ereignis am nächsten Tag "praktisch ihre ganze Titelseite". Und als Dempsey und Tunney ein Jahr später in Chicago erneut gegen- einander antraten, kamen ebenso viele Zuschauer.

Information

Wolfgang Paterno
Faust und Geist

Literatur und Boxen zwischen den Weltkriegen. Böhlau Verlag, Wien/Köln/Weimar 2018, 444 Seiten, 50,- Euro.



Woher kam die große Faszina-tion für das Boxen? Und welchen Niederschlag fand der Faustsport damals in der Literatur? Einen unglaublich starken: "Keine andere Sportart hat zwischen den Weltkriegen so viele deutschsprachige Schriftsteller fasziniert wie die planvolle Prügelei im Ring."

Wolfgang Paterno, Kulturredakteur beim Nachrichtenmagazin "profil", hat akribisch die zahlreichen Spuren untersucht, die das Boxen in den Texten von Zwischenkriegsautoren hinterlassen hat, und sein feinsinniges und schwergewichtiges Buch "Faust und Geist" zeigt nun eindrucksvoll, wie eng und erstaunlich fruchtbar die Verbindung zwischen Boxen und Literatur damals war. Wobei nicht nur die Masse, sondern vor allem die große Klasse der Autoren überrascht, die dem Boxen ihre Aufmerksamkeit gewidmet haben.

Boxen schreie "nach einem Dichter!", befand zum Beispiel Joseph Roth. Er meinte dies zwar ironisch, aber das hinderte ihn keineswegs daran, selbst immer wieder über das Boxen zu schreiben. Wie angriffslustig er dabei war, und dass seine trefflichen verbalen Schläge über das profane Viereck des Rings hinaus auch in höhere Sphären zielten, zeigen die Titel seiner Texte: "Der Bizeps auf dem Katheder" etwa, oder "Der Boxer in der Soutane".




weiterlesen auf Seite 2 von 3




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-07 17:58:18
Letzte Änderung am 2018-06-07 18:04:53


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Ein fast perfekter Mord
  2. b + s
  3. John Steinbeck, der kalifornische Klassiker
Meistkommentiert
  1. Das mörderische Internet der Dinge

Werbung




Werbung