• vom 10.06.2018, 16:00 Uhr

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Fatale Lebenslüge




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Von Ingeborg Waldinger

  • Winckelmanns Tod in Triest in einer lesenswerten "Psychobiografie".



"Edle Einfalt und stille Größe"- so lautete das ästhetische Credo jenes Gelehrten, der Männern nicht nur in Gestalt antiker Statuen einiges abgewinnen konnte: Johann Joachim Winckelmann.

So klar das Schönheitsideal des Klassizisten, Kunsthistorikers und Archäologen war, so komplex war seine Persönlichkeit. 1717 im deutschen Stendal geboren, übersiedelte er mit knapp vierzig nach Rom, wo er in den Dienst verschiedener Kardinäle trat. 1768, nach einem Besuch in der alten Heimat, machte er in Wien Station. Von Maria Theresia mit Goldmedaillen für seine Verdienste geehrt, reiste er bis Triest, wo er am 8. Juni im Hotel erdolcht wurde. Der Koch war der Mörder (und Medaillendieb).

Information

Dominique Fernandez
Signor Giovanni

Winckelmanns Tod in Triest. Übersetzung und Nachwort von Margret Millischer. Turia + Kant, Wien 2017, 110 Seiten, 16,- Euro.

Viel ist darüber schon geschrieben worden. Der französische Autor Dominique Fernandez griff die Geschichte nun neu auf. Beim Studium der Prozessakten stieß er auf manche Ungereimtheiten zwischen Opfer- und Täterversion und entwickelte daraus die lesenswerte, souverän übersetzte "Psychobiografie" (Fernandez) mit dem Titel "Signor Giovanni". Unter diesem Namen war Winckelmann gereist.

Dass Signor Giovanni seine wahre Identität selbst im Todeskampf vor der Polizei verbarg, dass er mit seinem Mörder, einem pockennarbigen Ganoven, zuvor intime Kontakte pflegte, zeugt für Dominique Fernandez von der fatalen Lebenslüge, in die Winckelmann sich durch seine gesellschaftlich verpönte Homosexualität verstrickte: "Sublimierung mit jungen Patriziern, schändliche Praktiken in der Realität."





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-07 18:04:29
Letzte Änderung am 2018-06-07 18:08:38


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