• vom 17.06.2018, 14:00 Uhr

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Von Oliver vom Hove

  • Dostojewskis Hang zu einem religiösen Nationalismus hinterließ im Roman "Der Idiot" tiefe Spuren. Die inneren Zerreißproben des Autors lotet eine neue Biographie aus.

Der christliche Nationalismus, in dem Dostojewski das Heil sah, feiert heute in Russland wieder kniefällige Urständ. Im Bild: Mariä-Verkündigungs-Kathedrale, Kreml. - © Aniacra / Wiki CC

Der christliche Nationalismus, in dem Dostojewski das Heil sah, feiert heute in Russland wieder kniefällige Urständ. Im Bild: Mariä-Verkündigungs-Kathedrale, Kreml. © Aniacra / Wiki CC

Vor 150 Jahren, als er seinen Roman "Der Idiot" fertigstellte, empörte sich der in Europa herumziehende russische Dichter Fjodor Michailowitsch Dostojewski über den sich ausbreitenden Nihilismus im Westen. Materialismus, liberale Ideen, Sozialismus, Frauenemanzipation - das alles stieß ihn heftig ab und suchte er von Russland fernzuhalten. Im Christusglauben der nationalen orthodoxen Kirche sah er das Heil: in einem aus der Religion in einen schrankenlosen russischen Nationalismus übergeführten politischen Messianismus.



Im Roman "Der Idiot" hinterließ dieser christlich ummantelte Nationalismus, der auch heute in Russland wieder kniefällige Urständ feiert, tiefe Spuren. Als seine Hauptgestalt, der wie Christus erscheinende Fürst Myschkin, von russischen Landsleuten hört, die im Westen zum Katholizismus konvertiert sind, gerät er das einzige Mal im Roman in Rage: "Der römische Katholizismus ist sogar schlimmer als der Atheismus (. . .). Bei uns haben erst die höheren Stände den Glauben verloren, die Entwurzelten; aber dort, in Europa, beginnen schon gewaltige Massen des Volkes den Glauben zu verlieren - früher aus Unwissenheit und Verlogenheit und jetzt aus Fanatismus, aus Hass gegen die Kirche und das Christentum."

Information

Andreas Guski
Dostojewskij

Biographie. C. H. Beck Verlag, München 2018, 448 Seiten, 28,80 Euro.

In seinem Furor holt Myschkin weit aus und zerschlägt dabei eine wertvolle chinesische Vase: "Auch der Sozialismus ist eine Ausgeburt des Katholizismus und des katholischen Wesens! Auch er ist, wie sein Bruder, der Atheismus, der Verzweiflung entsprungen, um als Antithese zum Katholizismus die verlorene sittliche Macht der Religion zu ersetzen, um den geistigen Durst der darbenden Menschheit zu stillen und sie nicht durch Christus, sondern durch Gewalt zu erlösen!"

"Moskowitische Unduldsamkeit" hat Stefan Zweig diesen orthodoxen Feuereifer Dostojewskis in seinem Essay über den Dichter genannt. Myschkins Ausfall im Roman ist umso erstaunlicher, als der 27-jährige Fürst, der von einem langjährigen Sanatoriumsaufenthalt in der Schweiz nach Petersburg zurückgekehrt ist, einen solchen Ausbund an Milde und Reinheit verkörpert, dass er in der Gesellschaft von seinesgleichen aus dem Rahmen fällt.

"Die Hauptidee des Romans ist es, einen vollkommen schönen Menschen darzustellen. Etwas Schwierigeres gibt es nicht auf der Welt, besonders heutzutage", schrieb der Autor zu seinem ursprünglichen Erzähl-Vorhaben. "Weltfremd aus Weltliebe, unwirklich aus Leidenschaft zur Wirklichkeit" ist dieser Fürst Myschkin nach Auffassung von Stefan Zweig, der einschränkend hinzufügte: "vorerst etwas einfältig". Myschkins Großmut und einfühlsame Barmherzigkeit beschämen die Umwelt.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-14 17:37:27
Letzte Änderung am 2018-06-14 17:41:32


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