• vom 20.06.2018, 12:00 Uhr

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Des Siegens nicht mehr mächtig




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Von Christian Ortner

  • Ein Essay blickt auf die Auseinandersetzung mit dem politischen Islam.

Sieg und Niederlage geben der Geschichte ihre Gestalt.

Sieg und Niederlage geben der Geschichte ihre Gestalt.© Fotolia/Shawn Hempel Sieg und Niederlage geben der Geschichte ihre Gestalt.© Fotolia/Shawn Hempel

Es ist reichlich paradox: Der Westen, also ein loser Verbund von USA, Europa und ein paar anderen Demokratien wie Australien oder Kanada, ist seit 1945 die mit Abstand stärkste Militärmacht der Welt - und hat trotzdem in diesen sieben Jahrzehnten keinen Krieg wirklich gewonnen, von Vietnam über Afghanistan bis zum Irak. Warum das so ist und vor allem, was das für die Auseinandersetzung mit dem politischen Islam und seinem Kampf gegen diesen Westen bedeutet, untersuchen Parviz Amoghli und Alexander Meschnig in ihrem brillanten Essay "Siegen - Oder vom Verlust der Selbstbehauptung".

Ihre zentrale These: "Demokratische Staaten, seien sie waffentechnisch, ökonomisch und politisch noch so überlegen, sind nicht mehr in der Lage, gegen einen entschlossenen Gegner zu siegen." Das hängt vor allem damit zusammen, "dass ein zu allen Opfern bereiter Gegner nicht mehr gewillt ist, eine militärische Niederlage zu akzeptieren und dass auf der eigenen Seite keine Opferbereitschaft mehr existiert. Westliche Staaten können keine hohen Opferzahlen verkraften, weder auf der eigenen noch auf der gegnerischen Seite, die aktuell auf Grund eines gigantischen ,Youth Bulge‘ einen Überschuss an jungen Kriegern in den Kampf schicken kann."


Postheroische Gesellschaft
Die Schwäche des Westens, diagnostizieren die Autoren weiter, "ist vor allem einer moralischen Asymmetrie geschuldet, die in mentalen Dispositionen, Stichwort: Postheroismus, zu lokalisieren ist und die eigene Verteidigungsfähigkeit in Frage stellt." Krieg zu führen, ist deshalb heute "nur noch unter der Prämisse der Befreiung und humanitärer Gründe" möglich, zumindest in der offiziellen Sprache der politischen Klasse. Nun kann man eine postheroische Gesellschaft, deren junge Männer keinerlei "Opferbereitschaft" mehr kennen und die davor zurückschreckt, Kriege mit hohen Opferzahlen zu führen, ja durchaus als Ergebnis zivilisatorischen Fortschrittes begreifen. Allerdings nur, solange sie nicht von einem entschlossenen Feind angegriffen wird oder auch nur davon bedroht ist. Denn: "Die Gegenwart ist, obwohl weiter in Deutschland massiv bestritten, durch die Rückkehr eines existentiellen Gegners gekennzeichnet, der in uns seinen ,absoluten Feind‘ sieht. Weder ökonomische Bestechung noch politische Zugeständnisse werden den militanten Islam und seine Gotteskrieger in Zukunft befrieden können." Unter Berufung auf den renommierten israelischen Militärhistoriker Martin van Creveld sehen die Autoren eine düstere Zukunft auf Europa zukommen: "Die alltägliche Gewalt tribalistischer Einwanderer und die regelmäßigen terroristischen Anschläge sind Vorboten eines Importes von Gewaltformen, die aus unserem Bewusstsein verdrängt worden sind, da sie in einer pazifizierten und prosperierenden Gesellschaft keine Rolle spielen. Umso hilfloser sind nun die heutigen Versuche, darauf zu antworten."

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Dokument erstellt am 2018-06-19 17:25:29


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