• vom 29.06.2018, 13:00 Uhr

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Die eigene Nase schärfen




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Von Mathias Ziegler

  • Robert Müller-Grünows Plädoyer für einen bewussteren Einsatz des Geruchssinns.



Im 1990er-Film "Ein Hund namens Beethoven" wurde Klamauk betrieben mit dem Job des Familienvaters als Duftentwickler - in Wahrheit ist die Beduftung von Geschäften, Autos, Büchern und anderen Gegenständen ein Milliarden-Business. Einer, der damit sein Geld verdient, ist Robert Müller-Grünow. In seinem neuen Buch führt der Experte die Leser in die Welt der Gerüche ein, gibt dabei auch bis zu einem gewissen Grad Einblick in seine Arbeit als Duftentwickler - freilich ohne Essenzielles zu verraten - und hält vor allem ein Plädoyer für ein bewussteres Riechen. Denn obwohl der Geruchssinn evolutionstechnisch der älteste aller Sinne ist und wir bei gut 25.000 Atemzügen pro Tag jede Menge Gerüche wahrnehmen, die uns beeinflussen, "haben wir leider verlernt, uns bewusst riechend durch die Welt zu bewegen", stellt Müller-Grünow fest.

Sein Anliegen ist es, das Bewusstsein für Gerüche zu stärken. Und zwar auch in Bezug auf deren Wirkung im Unterbewusstsein, die wir gar nicht wahrnehmen. Düfte wecken Erinnerungen und Wünsche, die unser Verhalten beeinflussen. Und weil der Geruchssinn als einziger direkt mit dem limbischen System verknüpft ist, nehmen wir Geruchsreize schneller wahr als Seh- und Hörreize. Dennoch wird gerade die Leistung der Nase als Sinnesorgan oft unterschätzt - und damit lassen wir uns leichter an der Nase herumführen, meint der Duftexperte. Oder was glauben Sie, warum Putzmittel ihren charakteristischen Geruch haben oder gewisse Räume mit ganz bestimmten Duftnoten versetzt werden?

Wenig zum Thema Tiere

Müller-Grünow liefert seinen Lesern nicht nur viele Informationen darüber, wie Düfte in unserem Alltag eingesetzt werden und wie man unliebsamen Gestank loswird, sondern gibt ihnen auch mehrere Übungen zur Schärfung des Geruchssinns mit. Dazu gibt es praktische Tipps für die Suche nach dem passenden Parfum, ehe er seine eigenen zwölf Klassiker der Duftgeschichte vorstellt. Und natürlich kommen auch der Buch- und Filmklassiker "Das Parfum" und der dazugehörige Geruch "Paris 1738" vor, der für die Filmpremiere kreiert wurde (und vor allem nach Fischmarkt stinkt). Wie der Autor überhaupt dem Duftkino (in Verbindung mit VR-Brillen) ein eigenes Kapitel widmet. Zum Abschluss gibt es dann ein kleines Duftlexikon von "Abrunden" bis "Zitrusnoten".

Hat man dieses letzte Kapitel erreicht, ist man jedenfalls um vieles schlauer und hat zum Beispiel erfahren, dass interessanterweise mitunter ausgerechnet aggressive, nach Fäkalien stinkende Rohstoffe (freilich in minimaler Menge) die Basis für wohlriechende Parfums bilden. So stammt auch der Duftstoff Ambra aus dem Darm von Pottwalen. Apropos Tiere und Parfums: Was man auf den fast 300 Seiten vermisst, ist ein eigenes Kapitel zum Thema Duftproduktion mit tierischen Rohstoffen (wie etwa Moschus). Die kommt nur hin und wieder in Nebensätzen kurz vor. Das Buch ist also zwar sehr lehrreich in vielerlei Hinsicht, lässt aber gerade bei diesem für viele Konsumenten wichtigen Thema eine große Lücke offen.





Schlagwörter

Sachbuch, Düfte, Gerüche, Parfums

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-27 13:07:38
Letzte Änderung am 2018-06-27 13:43:27


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