• vom 27.06.2018, 11:12 Uhr

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Update: 27.06.2018, 13:38 Uhr

Dystopie

Die Anatomie von Diktaturen




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Von Mathias Ziegler

  • Ein Heimatroman als Lehrstück: Lukas Pellmanns "Prater".



Man nehme eine große Portion Nationalsozialismus, rühre eine Handvoll DDR, einen Schuss Lokalpatriotismus, einen Esslöffel Flüchtlingskrise sowie eine Packung Nordkorea dazu, bestreue das Ganze mit einer Prise "1984" und drehe es einmal durch den Fleischwolf. Diese Masse kommt dann für eine Stunde in den Ofen und wird danach brennheiß serviert: in Form von Lukas Pellmanns dystopischem Heimatroman "Prater".

Dessen tragischer Protagonist Jan Kepler erlebt in einer gar nicht so fernen Zukunft im innersten Führungszirkel des Praters - vormals Leopoldstadt - mit, wie sich die Wiener Bezirke nach einer Trinkwasserkrise in Trabsdanubien in autonome Stadtstaaten umwandeln und Floridsdorf und die Donaustadt von Norden (Niederösterreich) und Süden (Prater) her komplett isoliert werden. Der autoritärste unter den neugebildeten Ex-Wiener Stadtstaaten ist der Prater unter der Führung eines Obersten, der die Bevölkerung drinnen mithilfe von Fake News demokratisch knebeln und Flüchtlinge von draußen, die über die Donau kommen, von seinen Sicherheitsbehörden ermorden lässt. Mittendrin arbeitet Jan überzeugt für die Ideologie seines Diktators, während seine Welt in der eigenen Familie nach und nach zerfällt. Denn seine Frau Valerie, selbst eine Danubierin, stellt sich gegen den totalitären Staat, dem ihr Mann so treu und loyal dient.Und so kommt es, wie es kommen muss . . .

Hat man erst einmal die leichten Irritationen ob der Absurdität der kleinräumigen Szenerie, in die Pellmann seine Handlung einbettet, überwunden, findet man sich mitten in einem packenden Lehrstück über die Anatomie von Diktaturen und Autokratien. Es ist sein stilistisch bisher bester Roman, der bloß gegen Ende hin kleine erzählerische Schwächen aufweist. Die allzu plakativen Anspielungen auf die FPÖ wären dabei nicht notwendig gewesen. Damit steckt sich der Autor nämlich selbst in eine Schublade, in die auch manche gebildete Leserkreise gar nicht erst hineinschauen, weil sie ihnen zu flach ist.

Lukas Pellmann: Prater
Verlag Text/Rahmen; 296 Seiten; 14,30 Euro





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-27 13:37:06
Letzte Änderung am 2018-06-27 13:38:40


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