• vom 02.07.2018, 09:30 Uhr

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Biografien der Selbstzerstörung




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Von Irene Prugger

  • Die niederländische Autorin Connie Palmen liefert eindrucksvolle Kurzessays über vier weltberühmte Künstlerinnen.

Norma Jean Baker (Marilyn Monroe) mit ihrer Mutter.

Norma Jean Baker (Marilyn Monroe) mit ihrer Mutter.© Siler Screen Collection / Getty Images Norma Jean Baker (Marilyn Monroe) mit ihrer Mutter.© Siler Screen Collection / Getty Images

Es herrscht eine große Kluft zwischen Marguerite Duras und Marguerite Donnadieu, zwischen Jane Bowles und Jane Auer, zwischen Patricia Highsmith und Mary Patricia Plangman, aber keine Kluft ist so groß wie jene zwischen Marilyn Monroe und Norma Jean Baker. Allein schon der Unterschied zwischen Privatnamen und Künstlernamen könnte ein Hinweis auf die Identitätskrisen jener vier berühmten Frauen sein, derer sich Connie Palmen in ihrem schmalen, aber erlesenen Bändchen "Die Sünde der Frau" annimmt.

Rebellion der Töchter

Marguerite, Jane, Patricia und Marilyn haben einige Gemeinsamkeiten in ihren Lebensläufen. Die Mutter trägt laut Populärpsychologie meistens Schuld an missglückten Lebensläufen, aber in diesen vier Fällen tragen die Mütter tatsächlich wesentlich zur labilen psychischen Verfassung der Frauen bei, denn es sind fordernde, überforderte und kaltherzige Mütter, die ihre Töchter ohne den Schutz des Grundvertrauens in die Welt entlassen, die Väter sind ohnedies abwesend.

Die Töchter lehnen sich auf, suchen ihre eigene Wegen fernab des konservativen familienwertigen Frauenbildes. Die Suche nach dem eigenen Selbst wird bald überlagert von der Neuschöpfung des eigenen Selbst. Die im Buch beschriebenen Frauen schaffen sich neue Identitäten, indem sie ihre Bestimmung als Künstlerin finden; das erlösungsbedürftige "innere Kind" aber tragen sie ständig mit sich.



Die vermeintliche Erlösung gestaltet sich vielfältig, etwa durch die ihnen massenhaft entgegengebrachte Bewunderung und Anerkennung, aber auch durch selbstzerstörerischen Alkohol- und Tablettenmissbrauch, und führt in allen vier Fällen zu Depression, innerer Vereinsamung und insgesamt keinem guten Ende.

Information

Connie Palmen
Die Sünde der Frau

Essays über Marilyn Monroe, Marguerite Duras, Jane Bowles und Patricia Highsmith.
Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers. Diogenes, Zürich 2018, 96 Seiten, 20,60 Euro.



Die Frauen bestrafen sich selbst für ihre Eigenwilligkeit, indem sie sich zerstören. "Neben dem Schreiben und dem Sex komplettiert schon bald ein Dritter im Bunde die Triade der Verschleierungskunst. Ab dem neunzehnten Lebensjahr erachtet Pat den Alkohol als unentbehrlich für das Schriftstellerdasein", schreibt Palmen über Highsmith, die sich in der Figur des talentierten, aber untertänigen Mörders Tom Ripley laut ihren eigenen Aussagen ein literarisches Alter Ego geschaffen hat.

Analyse & Diagnose

Connie Palmen liefert mit ihren brillant geschriebenen, dichten Kurzessays eine einsichtige Analyse der vier Biografien und gleichzeitig eine Diagnose der Gesellschaft, die sich in manchen Punkten seit den 1950er Jahren wohl gar nicht so sehr gewandelt hat, wie man glauben möchte. Frauen, die aus dem Rahmen fallen, sind nicht vorzeigbar, während bei Männern Außenseitertum und Originalität als bewundernswert gelten, so Palmens Überzeugung.

Man mag zustimmen oder nicht: es ist in jedem Fall lesenswert, wie die niederländische Erfolgsautorin ihre These darlegt: pointiert, poetisch, mitunter kühn und dennoch mit präziser Nüchternheit.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-28 18:16:42
Letzte Änderung am 2018-06-28 18:41:54


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