• vom 30.06.2018, 10:00 Uhr

Bücher aktuell


Roman

Die letzte Nabelschnur




  • Artikel
  • Lesenswert (2)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Elisabeth Freundlinger

  • Carole Fives’ unter die Haut gehender Roman "Eine Frau am Telefon".



Das Handy als Nabelschnur ist nicht nur ein Phänomen aus dem Verhaltensrepertoire sogenannter Helikopter-Eltern. In Zeiten, in denen auch die Alten zunehmend mit dem Medium und der Technik vertraut sind, tun sich weitere Absurditäten auf. Was dann passiert, beschreibt Carole Fives in ihrem kleinen Roman "Eine Frau am Telefon". Wenn die alte Mutter ihre Tochter mit Anrufen traktiert, geht es nicht mehr um Kontrolle, sondern um Zuwendung; geht es längst nicht mehr um Inhalt, sondern um Halt.

Information

Carole Fives
Eine Frau am Telefon

Roman. Aus dem Französischen von Anne Braun. Deuticke, Wien 2018, 128 Seiten, 16,50 Euro.

Man stellt sich die genervte Miene, die große - und doch nicht unbegrenzte - Geduld der Tochter vor, wenn es klingelt und wieder mal "Mama" auf dem Display steht. Wenn die junge Frau keine Zeit findet, die alte zu besuchen, schafft das Telefon Nähe. Nur werden dabei ständig die Grenzen des Zumutbaren überschritten, und so empfindet man als Leser bald mehr Mitleid mit der Tochter als mit der sterbenskranken, schwer depressiven Mutter. Charlène ist dabei, eine Inventur ihres Lebens zu erstellen, dessen nahes Ende sich abzeichnet. Andere Leute, inklusive der eigenen Kinder und Enkel, interessieren sie dabei nicht mehr wirklich.

Sie hatte kein besonders schönes Leben, nun will sie endlich auch etwas kriegen. Sie bettelt. Sie fordert. Sie flucht, droht, erpresst. Kippt vom Souveränen in die Armseligkeit. Die Krebserkrankung erwähnt sie nur nebenbei, aber wie kann sich das kompakte, fassbare Leid auch am unermesslichen Schmerz der Einsamkeit messen? Als Mutter ist Charlène stolz auf die Erfolge ihrer Kinder, als vom Leben unbefriedigt gebliebene Frau empfindet sie Neid. Weil sie krank ist, darf sie das aussprechen. Und weil sie schlau ist, nutzt sie diese "Narrenfreiheit" weidlich aus.

Diese Macht des Verletzens ist ihr noch geblieben, alles andere, was Spaß macht, hat man ihr verboten. Wenn Charlène im Rundumschlag Scherben produziert, ist sie längst kein Opfer mehr, sondern die bedauernswerte Person am anderen Ende der Leitung.

Carole Fives, 1971 geboren, bildende Künstlerin und als Autorin in Frankreich bereits mehrfach prämiert, bezeichnet die Form des Romans als "Einbahn-Dialog", in dem der Leser selbst die fehlenden Gesprächspassagen zu rekonstruieren hat. In Charlènes Monolog mischt sich Belangloses mit Existenziellem. Dies geht ganz schön unter die Haut. Das Buch nur als unterhaltsam zu bezeichnen, würde bedeuten, es zu unterschätzen.

Andererseits sind Charlènes verbale Ergüsse fast nur in der Distanz des Lachens erträglich. Was zwischendurch fehlt, ist Authentizität. Gerade noch sah man die verzweifelt monologisierende Frau vor sich, wie sie sich ins Selbstmitleid und wieder heraus windet, und dann sagt sie auf einmal etwas so Unpersönliches wie "mein Hund", "mein Bruder", "mein Sohn". Als hätten die alle keine vertrauten Namen.

Ebenso befremdend ist das Cover, auf dem eine hübsche junge Frau im Stil der 60er Jahre zu sehen ist, die, den Hörer eines altmodischen Telefons in der Hand, dem Betrachter den Rücken zukehrt. Wenn man Charlène zugehört hat, weiß man, dass sie niemals eine jener Frauen war, die Zeit zum selbstvergessenen Telefonieren hatten. Heute kann sie es - ein Luxus als Frucht ihrer Not.





Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-28 18:19:39
Letzte Änderung am 2018-06-28 18:45:55


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Michel Houellebecq heiratet in aller Stille
  2. 2063
  3. Fifty Shades of Crash
Meistkommentiert
  1. Peinlicher Abklatsch
  2. der esel auf dem eis
  3. Wolf Haas und seine Lust an der Langeweile

Werbung




Werbung