• vom 08.07.2018, 16:00 Uhr

Bücher aktuell


Literatur

Konditorschokolade aus Bad Ischl




  • Artikel
  • Lesenswert (1)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Uwe Schütte

  • Anneliese Botonds "Briefe an Thomas Bernhard".



"Über Frau Botond bin ich sehr glücklich", schreibt Thomas Bernhard im Juli 1964 an Rudolf Hirsch, den Leiter des Insel Verlags. Wie um dies zu bekräftigen, sendet er seiner Lektorin Ende Juli 1964 zwei Pakete mit Konditorschokolade aus Bad Ischl. Sie dankt ihm am 5. August: "Jeden Tag betrachte ich die Ischler Schachtel, und unleugbar entsteht eine gewisse Spannung zwischen ihr und mir. Ich halte es nach strenger Gewissensprüfung nicht für ausgeschlossen, daß diese optischen Kontakte eines Tages zu Tätlichkeiten führen können."

Mitte August 1964 hat sie dann eine vertrauliche Nachricht für ihren Autor: Hirsch hat sich überworfen mit Siegfried Unseld, der den Insel Verlag Anfang 1963 gekauft hat, und verlässt den Verlag. Botond bittet ihn darüber Stillschweigen zu bewahren; und sie schließt den Brief mit dem Geständnis: "Die Ischler Schokolade und ich sind der Versuchung erlegen. Sie ist materiell, ich moralisch ruiniert."

Information

Anneliese Botond
Briefe an Thomas Bernhard
Hrsg. Raimund Fellinger.
Korrektur Verlag, Mattighofen 2018, 214 Seiten, 29,90 Euro.

Thomas Bernhard war während der kurzen Anstellung seines Freundes Wieland Schmied im Insel Verlag zu Beginn der 1960er Jahre mit dem Manuskript von "Frost" zum Verlag gekommen. Indem dieser von Suhrkamp übernommen wurde, landete er genau dort, wo er von Anfang an hinwollte. Großes Glück hatte Bernhard auch mit seiner Lektorin Anneliese Botond, denn sie musste zwangsläufig zwischen seinem Verleger Unseld und dem eigensinnigen Autor vermitteln - schlug sich aber immer wieder auf Seiten des Letzteren. Das ging sogar soweit, dass sie ihm die nicht unerhebliche Summe von 6000 DM von ihrem Privatkonto überwies, als Bernhard dringend Geld für ärztliche Behandlungen benötigte.

Als es im Kontext von "1968" zur sogenannten Lektorenrevolte bei Suhrkamp kam, verließ auch Botond in deren Gefolge den Verlag. Für Thomas Bernhard ein nicht geringer Schock, denn er wusste sehr wohl, dass der frühe Erfolg mit "Frost" und "Amras" nicht unwesentlich auf das Konto der Lektorin ging, deren Ratschlägen er (widerwillig) folgte. Dementsprechend teilt er seinem Verleger im März 1969 mit, dass bezüglich "Frau Dr. Botond" nach seiner Sicht "allerhand Grundsätzliches über die ungeheure Qualität dieser Frau als Institution" festzustellen sei, "was ich aber unterlasse, weil mir Loben in absoluten Wertkategorien das fürchterlichste ist, was es gibt."

Der leider (fast nur) einseitig erhaltene Briefwechsel zwischen Botond und Bernhard ist eine für jeden Bernhard-Leser unverzichtbare Ergänzung zum umfangreichen Briefwechsel des Autors mit seinem Verleger Unseld. Was sich dabei herausschält, ist eine zwischen merkwürdiger Enge und Distanz oszillierende Beziehung, die 1963 beginnt und mit dem Weggang Botonds aus dem Verlagsgeschäft 1970 abrupt endet. Inwieweit die über die reine Geschäftskommunikation hinausgehende poetische Qualität und persönliche Nähe mancher ihrer Schreiben an Bernhard inspiriert ist von dessen Briefen, die ja kaum von seiner Literatur zu trennen sind, muss folglich dahingestellt bleiben.

Leider vermag Herausgeber Raimund Fellinger in seinem Nachwort nicht viele biografische Informationen über Botond zu liefern, die im Anschluss an ihre Lektoratskarriere nach Lateinamerika ging, aber 1974 nach Deutschland zurückkehrte und 2006 verstarb. Das mag begründet sein im Wunsch der Angehörigen, keine Informationen aus ihrem Privatleben an die Öffentlichkeit gelangen zu lassen. Gerne aber würde man mehr über diese außergewöhnliche Frau erfahren, die auch mit Paul Celan zusammenarbeitete.

Sie war die genaueste Leserin des frühen Werkes von Thomas Bernhard und eine unverzichtbare Anbahnerin seines literarischen Erfolgs. Um was für einen Autor es sich bei ihm handelte, war ihr von Beginn an klar: "Ihre Bücher sind viel zu irritierend", schreibt sie im August 1967, als Bernhard auf der Baumgartner Höhe im Spital liegt.

"Sie werden sich erst dann durchsetzen, glaube ich, wenn ihre Notwendigkeit, die jetzt noch als eine nur persönliche erscheinen kann, sich als eine allgemeine erweist. Sie werden ein Anfang sein oder ein Außenseiter. Unter den vielen werden Sie nie sein."





Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-06 09:40:46
Letzte Änderung am 2018-07-06 10:06:19


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. bowling
  2. "Ich möchte mehrere Leben nebeneinander"
  3. Von der Vielfalt der Liebe
Meistkommentiert
  1. achtung!
  2. Aufmüpfig, nicht getröstet!
  3. "Eine große Frau mit Haltung"

Werbung




Werbung