• vom 08.07.2018, 09:30 Uhr

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Literatur

Schwärmerei und Vernichtung




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Von Hermann Schlösser

  • Die deutsche Schriftstellerin und einflussreiche Lektorin Elisabeth Borchers erinnert sich an die Höhen und Tiefen des Literaturbetriebs.

Elisabeth Borchers (1926-2013).

Elisabeth Borchers (1926-2013).© Ullsteinbild/Poklekowski Elisabeth Borchers (1926-2013).© Ullsteinbild/Poklekowski

Elisabeth Borchers, Jahrgang 1926, war eine markante Gestalt im literarischen Leben Deutschlands. Sie schrieb form- und sprachbewusste Gedichte, verfasste Kinderbücher und war eine anerkannte Übersetzerin aus dem Französischen. Vor allem aber beeinflusste sie als maßgebliche Lektorin das intellektuelle Profil zweier wichtiger Verlage: Von 1960 bis 1971 war sie für Luchterhand tätig, von 1971 bis 1998 für Suhrkamp.

1999, im Jahr nach ihrer Pensionierung, begann diese "Grande Dame" (wie sie vom Feuilleton gerne genannt wurde) mit der Arbeit an ihren Lebenserinnerungen, in denen sie "rücksichtslos" über den literarischen Betrieb, seine Intrigen und Eitelkeiten berichten wollte. Von 1999 bis 2005 hat sie intensiv an diesem Versuch gearbeitet, der aber Fragment geblieben ist. 2013 ist Elisabeth Borchers gestorben, ihre Erinnerungsbruchstücke sind nun postum erschienen.



Information

Elisabeth Borchers
Nicht zur Veröffentlichung bestimmt
Ein Fragment. Herausgegeben von Martin Lüdke. Mitarbeit Ralf Borchers. Weissbooks, Frankfurt am Main 2018, 168 Seiten, 22,70 Euro.

Deutliche Worte

An deutlichen Worten fehlt es in dem prägnant formulierten Buch nicht. Schon auf der zweiten Seite ist zu lesen: "Wohin man schaut und liest: Hochstapelei. Selbst in den oberen Rängen, selbst in den Logen." Die couragierte Polemikerin verschweigt nicht, wen sie bei dieser Kritik im Auge hat: Martin Walser, Uwe Johnson und Max Frisch, deren Bücher sie als "Machwerke" abtut.

In scharf gezeichneten Miniaturen berichtet Borchers dann von ihrer Arbeit als Lektorin, und ein Ton der Verbitterung ist dabei nicht zu überhören. Warum wurde Marie Luise Kaschnitz für den lakonischen Altersstil ihrer späten Prosa "Orte" so hymnisch gelobt? Weil Elisabeth Borchers die Hälfte des ursprünglichen Manuskripts weggestrichen hat. Wer hat den schönen Titel "Magische Blätter" für Friederike Mayröckers Kurzprosa-Sammlungen erfunden? Elisabeth Borchers. Und wer hat Marguerite Duras’ Roman "Der Liebhaber" für Suhrkamp entdeckt? Wir ahnen schon die Antwort.

Nun stehen die Verdienste und Leistungen dieser bedeutenden Lektorin ja völlig außer Frage. Umso bedrückender ist es, dass sie im Alter offenbar das Gefühl hatte, zu kurz gekommen zu sein. Warum müsste sie sonst so kleinlich ausbreiten, was die Autorinnen und Autoren ihrer Lektorin alles zu verdanken haben? Trotzdem hat Elisabeth Borchers kein Buch des reinen Unmuts geschrieben. Martin Lüdke, der Herausgeber des Bandes, charakterisiert die Autorin mit den Worten: "Sie hatte nichts Zögerliches, war schnell mit einem Urteil zur Hand und konnte kompromisslos unbarmherzig verdammen, was ihr missfiel. Dabei war ihre Begeisterungsfähigkeit nicht weniger ausgeprägt. Sie konnte auch, zuweilen, hemmungslos schwärmen."

Schmaler Grat

Diese schwärmerische Seite tritt im Buch ebenfalls zutage. Zu den von ihr rückhaltlos bewunderten Autoren gehört etwa Peter Handke, aber auch - und erst recht - Arnold Stadler. Mit ihm ist sie befreundet, ihm schreibt sie Briefe, die dem Genre "Liebesbrief" sehr nahe kommen, und ihn feiert sie auch als wahrhaft großen Autor.

Die erfahrene Lektorin hat eine Publikation ihres Textes durchaus gewünscht, und sie hat auch den wirkungsvoll-paradoxen Titel dafür gefunden: "Nicht zur Veröffentlichung bestimmt". Dieser geschickte double bind passt zu einem Buch, das sich bewusst auf dem schmalen Grat zwischen privater Reminiszenz und öffentlicher Stellungnahme bewegt.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-06 09:40:48
Letzte Änderung am 2018-07-06 10:03:35


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