• vom 07.07.2018, 07:00 Uhr

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Heilsamer Fall ins Bodenlose




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Von Jeannette Villachica

  • Die britische Autorin Elizabeth Day erzählt in ihrem Roman "Die Party" vom dramatischen Scheitern einer klassenübergreifenden Freundschaft.

Lebt in London: Journalistin und Autorin Elizabeth Day.

Lebt in London: Journalistin und Autorin Elizabeth Day.© Jenny Smith Lebt in London: Journalistin und Autorin Elizabeth Day.© Jenny Smith

Lucy liebte ihren Mann. Sie wusste, dass Martin sie respektierte, aber nicht liebte, und dass er kein besonders guter Mensch war. Martin war voller Selbstzweifel und tat alles, um Ben zu gefallen, seinem ältesten und besten Freund. Seit er denken konnte, wollte er so sein wie der Aristokratenspross Ben Fitzmaurice: souverän, weltgewandt, charmant, beliebt und reich. Bens strahlende Ehefrau Serena nannte Martin "Bens kleinen Schatten". Als Schüler ging er bei den Fitzmaurices ein und aus, auch um seinem eigenen trostlosen Verhältnissen zu entkommen. Seinen Vater hatte er nie kennengelernt, den Kontakt zur Mutter hat er später abgebrochen.

Fest mit Folgen



Halt gab ihm die Familie seines Freundes, die ihn wie einen Sohn aufnahm. Doch jetzt sitzt der erfolgreiche Journalist und Kunstkritiker Martin Gilmore in einem Verhörraum der örtlichen Polizei und wird zu den Vorkommnissen bei der Party befragt. Was dort geschehen ist, erfahren die Leser von Elizabeth Days "Die Party" erst am Ende dieses fesselnd konstruierten und psychologisch interessanten Romans.

Information

Elizabeth Day
Die Party
Roman. Übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. DuMont, Köln 2017, 398 Seiten, 20,60 Euro.

Im Wechsel mit Martin erzählt Lucy von Bens und Serenas großer Einweihungs- und Geburtstagsparty in einem umgebauten Kloster. Sogar der Premierminister war dort, Martin und Lucy fühlten sich "in dieser lächerlich luxuriösen Kulisse" erwartungsgemäß fehl am Platz.

In Rückblicken wird die Ehe von Martin und Lucy beleuchtet, jeweils die Sicht des Anderen, Lucys unerfüllter Kinderwunsch, Martins Besessenheit von Ben, deren Abenteuer während der gemeinsamen Schul- und Studienzeit auf einem Eliteinternat und in Cambridge. Dass Martin den Fitzmaurices viel verdankt, hat er seiner Frau erzählt; dass auch die Familie in seiner Schuld steht, sollte Lucy erst an diesem Abend erfahren. Auch wird sich hier wieder zeigen, dass Ben viel weniger an Martin hängt als umgekehrt - und sich die besseren Kreise seit Jahren über Martins hingebungsvolle Liebe zu Ben mokieren. Nur Martin glaubt, dass niemand von seiner Homosexualität weiß.

Die Britin Elizabeth Day versammelt in dem Paar Martin-Lucy ein schillerndes Kaleidoskop von sich ergänzenden Ängsten, die jedoch nie existenzbedrohend werden. Martin hat es aufgrund seiner Intelligenz auf ein Eliteinternat und bis nach Cambridge geschafft, er ist beruflich erfolgreich, ihm und Lucy geht es finanziell gut. Er könnte glücklich sein, ist jedoch ein Nervenbündel und nie mit sich zufrieden. Ben sieht er seit dessen Hochzeit kaum noch, vielleicht hat er die mütterliche, gutmütige Lucy nur geheiratet, um diese Lücke zu füllen. Mochte Martin auch kein sexuelles Interesse an ihr gehabt haben, so waren sie ein gutes Team. Sie erdete ihn, liebte seine Verletztlichkeit, "sein Verlorensein in der Welt".

Verrat

Lucy konnte mit seinen Wutanfällen und dem "abscheulichen Benehmen" umgehen, das er in vornehmer Gesellschaft gern an den Tag legte. Sie verzichtete sogar auf Kinder, weil er keine Kinder wollte. An jenem Abend, an dem Ben und Serena sie um ein Gespräch unter vier Augen baten, war aber auch für sie ein Endpunkt der Selbsterniedrigung und des Verrats erreicht.

Stellenweise verzerrt die Autorin das hässliche Gesicht der Upper Class zu Fratzen. Das wirkt wie eine Abrechnung mit denen, die sich nie um einen Platz in der Gesellschaft sorgen mussten. Spannender als die Abrechnung mit der gegenwärtigen britischen Klassengesellschaft sind die Einblicke in die Psyche eines Menschen, der sich in vielerlei Hinsicht selbst verleugnet und für den der Fall ins Bodenlose letztlich heilsam sein kann.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-06 09:40:52
Letzte Änderung am 2018-07-06 10:14:51


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