• vom 07.07.2018, 18:00 Uhr

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Der Zauber der Existenz




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Von Shirin Sojitrawalla

  • Der Schweizer Schriftsteller Peter Stamm treibt ein Vexierspiel mit all den trügerischen Projektionen, die wir von uns und den anderen anfertigen.



Der Titel taugt als Programm für alle Bücher des Schweizer Schriftstellers Peter Stamm. Der sanften Gleichgültigkeit der Welt begegnen seine Protagonistinnen und Protagonisten seit jeher mit leisen Auflehnungstendenzen. Sie gehen fort, weit weg, gehen manche Umwege - und kommen doch nie bei sich an.

Diesmal erwischt es den alt gewordenen Schriftsteller Christoph, der sein Leben noch einmal an sich vorbeiziehen lässt. Dazu spiegelt er sich in der jungen Lena, die ihn an seine große Liebe Magdalena erinnert. Christoph und Lena treffen einander in Stockholm und erzählen sich ihre Geschichten, die ähnlich beginnen und doch abweichen, wie unsere Leben in der Erinnerung eben oft abweichen von den Tatsächlichkeiten unserer Biografien. So wie Lena und Magdalena ineinander verschwimmen, tun das auch Christoph und Lenas Freund.

Information

Peter Stamm
Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt
Roman. S. Fischer, Frankfurt am Main 2018,
155 Seiten, 20,60 Euro.

Spiel mit Doppelgängern

Es ist eine recht mysteriöse Geschichte, die der 1963 geborene Peter Stamm uns diesmal erzählt. In kurzen Kapiteln kippen Realität und Fiktion ineinander, getrennt nur durch einen Gaze-Vorhang aus Vermutungen und Verdachtsmomenten. Das Alter und der Tod rahmen diese leicht schwebende Geschichte eines Mannes, der auf sein Leben zurückblickt wie auf einen abgefahrenen Zug.

Nicht nur der Ich-Erzähler wird sich seiner Geschichte gewahr: Auch Peter Stamm scheint sich seines Werkes zu erinnern. Wichtige Schauplätze seiner Bücher, etwa Bibliotheken, Bergwanderungen und der hohe Norden, kommen vor, desgleichen zentrale Momente, Begegnungen und Merkwürdigkeiten. Dass sein Protagonist Christoph auch Schriftsteller ist und mit einem Erstling auf sich aufmerksam machte, der an Peter Stamms 1998 erschienenen Debütroman "Agnes" denken lässt, verdoppelt das Spiel mit den Doppelgängern einmal mehr.

Sein neuer Roman gleicht dabei einem Vexierspiel, auch einer Kopfübung, die vom Zauber der Existenz erzählt, ohne letzte Rätsel lösen zu wollen. Dazwischen rutschen Beschreibungen, die wirken, als seien sie aus einer Zigarettenwerbung kopiert. Stichwort "Liberté toujours": "Ich bin nackt und rufe dem Zimmermädchen durch die Tür zu, es solle das Frühstück draußen abstellen. Als sie gegangen ist, hole ich das Tablett herein und stelle es auf das Bett. Croissants und kleine Plastiknäpfe mit Butter, auf denen Président steht, Aprikosenkonfitüre und Milchkaffee, der verbrannt schmeckt und bitter. Magdalena setzt sich im Schneidersitz mir gegenüber auf das Bett. Sie lächelt mich an, und ich lehne mich über das Tablett zu ihr und küsse sie."

Womöglich kein Ausrutscher, sondern vielmehr ein Hinweis auf die gleich geschalteten romantischen Phantasien der Gegenwart.

Inspektion des eigenen Lebens

Die anderen Leben, die neben den eigenen, die wir leben, lauern, sind schon immer ein Thema gewesen, das diesen Autor umtreibt. Dasselbe gilt für all die Projektionen, die wir von uns und den anderen anfertigen. Trugbilder oft. Was wäre, wenn alles nur böser - oder schöner - Schein wäre?

Stamms raunender Erzähler inspiziert sein Leben wie einen von Motten zerfressenen Wintermantel. Dabei geht er allerdings mit äußerster Zartheit vor und lässt eine Stimmung entstehen, die einer von gerade gefallenem Schnee bedeckten Landschaft gleicht: Alles wirkt hier gedämpft, sanft, kühl. Peter Stamm entwirft ein Traumspiel, das einer Traumlogik folgt. Und wie so oft bei seinen Romanen, möchte man auch nach dem Lesen der letzten Seite von "Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt" gleich wieder von vorn beginnen, um zu begreifen, was in dem Buch und in einem selbst vor sich gehen mag. Die Schmalheit des Romans lässt das zum Glück ohne Weiteres zu.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-06 09:40:56
Letzte Änderung am 2018-07-06 10:23:09


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