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Update: 26.07.2018, 08:02 Uhr

Sachbuch

Der Mond ist nur eine Zwischenstation




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Von Mathias Ziegler

  • Florian M. Nebel erklärt, warum "Die Besiedlung des Mondes" alles andere als Science Fiction wäre und wir vom Erdtrabanten aus den Weltraum erkunden sollten.



Um 20.24 Uhr beginnt diesen Freitagabend ein Naturschauspiel am nächtlichen Himmel. 104 Minuten lang taucht unser Traband am 27. Juli bei der längsten Mondfinsternis des 21. Jahrhunderts in den Erdschatten ein - und dazu gibt es vorher auch noch einen sogenannten Blutmond. Die passende Lektüre zur Einstimmung liefert der deutsche Physiker Florien M. Nebel, der als Systemingenieur in der Luft- und Raumfahrtbranche arbeitet. Als solcher ist er nicht nur Autor von mehr als tausend Geschichten, sondern auch eines kleinen Monumentalwerks: "Die Besiedlung des Mondes" ist ein 260 Seiten starkes Manifest, gespickt mit etlichen anschaulichen Grafiken, Fotos und Illustrationen, in dem Nebel ausführlich erläutert, warum die Errichtung einer kompletten Mondbasis samt Weltraumbahnhof nicht bloß Science Fiction, sondern "technisch machbar", "finanziell profitabel" und sogar "logisch sinnvoll" wäre.

Das Ganze bringt er so auf den Boden, dass auch (interessierte) Laien von Anfang bis Ende mitkommen, sprich: Nebel erklärt anschaulich und gut verständlich, wie sich mit der bereits vorhandenen Technik ohne großartige Neuentwicklungen nicht nur ein Mondflug realisieren ließe, sondern überhaupt ein Teil der Menschheit dauerhaft auf den Trabanten übersiedeln könnte. Freilich erst in ein paar Jahrzehnten oder noch später, denn zunächst einmal müsste doch einiges Geld in die Hand genommen (und unter anderem mithilfe von Weltraumtourismus auch eingenommen) werden, um die Basis dafür zu schaffen. Eine wichtige Rolle dabei würden die schon bestehende ISS sowie eventuell auch eine von China gerade geplante weitere Raumstation spielen, ebenso die derzeit einzige verfügbare bemannte Raumkapsel Sojus - und auch eine teilweise Reaktivierung der inzwischen im Museum eingemotteten Space Shuttles ist Teil des Masterplans, um diverse Hin- und Rückflüge zwischen Erde, ISS und Mond zu realisieren.

Eine richtige Industriesiedlung auf dem Mond 

Apollo war gestern, die Zukunft heißt Phoenix. So nennt Nebel seinen neuen Mondlander, den er - vorerst in der Theorie - aus diversen bestehenden Technologien zusammenstückelt. Dafür wie auch für die anderen Module, mit denen die ISS aufgerüstet werden sollte, und die anderen notwendigen Raumfahrzeuge stellt der Ingenieur diverse Berechnungen an, anhand derer er seinen Lesern erklärt, welche Treibstoffarten warum besser oder schlechter geeignet sind, welche Nutzlasten mit welchen Trägerraketen transportiert werden können, wie genau die vielen verschiedenen Versorgungs- und Aufbauflüge ablaufen sollten, und vor allem: wie sich das Ganze am Ende tatsächlich rechnen kann. Dazu geht Nebel davon aus, das irgendwann in ferner Zukunft auf dem Mond nicht nur Berg betrieben, sondern auch Tiere gehalten, Textilien hergestellt und noch andere Rohstoffe verarbeitet werden können. Das Ziel ist, den Mond nicht nur weitreichend zu erkunden und eine richtige Industriesiedlung dort zu etablieren, sondern auch Güter auf die Erde zu exportieren, deren hohe Preise den Aufwand lohnen. Und natürlich dank der viel geringeren Gravitation leichter Missionen in den übrigen Weltraum zu starten.

Das wirklich Erstaunliche an Nebels Berechnungen - und hier muss man sich einfach entscheiden, ob man ihnen glaubt oder nicht - ist seine finanzielle Kalkulation: Seiner Meinung nach würde die Mondsiedlung nämlich bestenfalls 70 und schlimmstenfalls 275 Milliarden Dollar über einen Zeitraum von 16 Jahren kosten. Und wenn man diese Zahlen in Relation zu den Ausgaben für andere Weltraumprogramme setzt, wirken sie gar nicht mehr so exorbitant: Die Space Shuttles schlugen immerhin mit 200 Milliarden Dollar zu Buche, und die ISS hat bisher auch gut 150 Milliarden Dollar gekostet. Insgesamt veranschlagt der Physiker 30 Jahre für Vorbereitung, Gründung und Ausbau der Mondsiedlung, die natürlich ein globales Projekt sein sollte, sprich: Je mehr Staaten mitzahlen, desto billiger wird es für alle - und dann sind die maximal 17 Milliarden Dollar pro Jahr auch wieder in einem anderen Licht zu sehen. Der deutschen Bundesregierung rät Nebel sogar, die (hoffentlich von Deutschland mitfinanzierte) Mondkolonie als 17. Bundesland in den Finanzausgleich aufzunehmen, in dem zuletzt allein etwa 9,5 Milliarden Euro geflossen sind. Und auch Werbepartner könnten zwecks Finanzierung lukriert werden.

Fazit: Sofern Nebel mit seinen Kalkulationen nicht ganz daneben liegt (was man als Laie halt schwer beurteilen kann), haben sie zumindest von der Präsentation her Hand und Fuß. Sein Traum von der Besiedelung des Mondes mag tatsächlich kein Hirngespinst, sondern durchaus realistisch sein. Jetzt müssten das Buch nur noch die Staatschefs der Weltraumnationen lesen . . .

Florian M. Nebel: Die Besiedlung des Mondes
LV-Verlag; 260 Seiten; 20,50 Euro





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-25 23:26:01
Letzte Änderung am 2018-07-26 08:02:57


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