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Update: 30.07.2018, 07:31 Uhr

Literatur

Keine Freundschaft ohne Freiheit




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Von Alexander Kluy

  • Zum 300. Todestag William Penns erscheinen seine lebensklugen Reflexionen und Maximen in einer guten, neuen Übersetzung.

Religiös und tolerant: William Penn.

Religiös und tolerant: William Penn.© duncan 1890/Getty Images Religiös und tolerant: William Penn.© duncan 1890/Getty Images

Es gibt Bücher, die Dauerbrenner sind. Landläufig "Klassiker" genannt, sind sie jene, die man in dürren oder in dunklen Zeiten in die Hand nimmt, aufschlägt - und gebannt ist. Von ihrer Tiefe, ihrer Weisheit, der Frische über Jahrhunderte hinweg. Ein solcher Band ist "Früchte der Einsamkeit" des Engländers William Penn.

Treffend war der Titel. Denn Penn, am 14. Oktober 1644 geboren in wohlhabende Verhältnisse (sein Vater war Konteradmiral), schrieb dieses Buch, eine Sammlung von Notaten, Reflexionen und Aphorismen, 1689 sehr zurückgezogen, da von Spionen überwacht, in Rickmansworth, einer Kleinstadt an der Themse nordwestlich von London; heute tragen dort eine Schule, ein Freizeit- und ein Einkaufszentrum seinen Namen.

Das mit dem Shopping Center würde William Penn weidlich wundern. War er doch Mitglied der Quäker, jener Glaubensgemeinschaft, die sich seit 1652 "Religious Society of Friends" nannte. Pazifistisch, anti-hierarchisch und radikal waren sie, sie traten für die Gleichheit aller Menschen ein, Englands religiöse Orthodoxie war ihnen spinnefeind.



Information

William Penn
Früchte der Einsamkeit

Reflexionen und Maximen über die Kunst der Lebensführung. Hrsg. Jürgen Overhoff. Aus dem Englischen von Joachim Kalka. Klett-Cotta, Stuttgart 2018, 320 Seiten, 28,80 Euro.

Bewegte Jahrzehnte lagen damals hinter Penn. Die Entdeckung des Glaubens. Eine Reise durch Europa. Die Gründung einer großen waldreichen Kolonie in Nordamerika, ("Pennsylvania") und der Stadt Philadelphia. Jene Stadt, die später Mittelpunkt der Revolution werden sollte, in der 1776 die Unabhängigkeitserklärung unterzeichnet wurde, die zudem die erste Hauptstadt der Vereinigten Staaten von Amerika war (1790-1800), da Washington auf morastigem Untergrund erst noch erbaut werden musste. Provinz wie Stadt verlieh Penn außergewöhnliche Gründungs- und Leitprinzipien, religiös wie ethnisch explizit tolerant.

Klugheit und Ruhe

1693 erschien "Früchte der Einsamkeit". Die Erstausgabe wies 467 Einträge auf. Insgesamt folgten bis zu Penns Tod 1718 zehn Nachdrucke. Jener von 1697 enthielt bereits 556 Sentenzen. Was zeigte, welches intellektuell-biografische Gewicht William Penn diesem Opus beimaß. 1702 erschien ein zweiter, eigenständiger Teil. Zusammen genommen waren es 855 Einträge. Die letzte, arg pietistische Eindeutschung datierte von 1913. Ersetzt wird sie nun durch die akkurate Neuübersetzung Joachim Kalkas.

Es empfiehlt sich, den Band einmal von vorn bis hinten, entlang der Themenkette von Unwissenheit über Nörgeln zu Kleidung, Ehe, Witz und Risiko, Privatheit ("die sind glücklich, die zurückgezogen leben"), Eitelkeit und Nächstenliebe zu lesen.

"Es ist höchst verwunderlich", so der Auftakt, "wenn man bedenkt, wie viele Millionen von Menschen auf die Welt kommen und sie wieder verlassen in Unwissenheit über sich selbst und über die Welt, in der sie gelebt haben."

Danach wird man wie in anderen "Handbüchlein" (W. Penn) zu einzelnen Betrachtungen wieder und wieder zurückzukehren. Immergrünes findet man zuhauf: "Nichts zeigt so sehr die Torheit und auch den Betrug des Menschen wie das kleinliche Schädigen von Verdienst und Ruf."

Naturgemäß lag Penn, der auch das Konzept einer europäischen Konföderation visionierte, die Freundschaft am Herzen: "Es kann keine Freundschaft geben, wo keine Freiheit ist. (. . .). Sie wird offen sprechen und ebenso handeln; wird nichts übelnehmen, wo nichts böse gemeint war; und selbst da, wo dem so ist, wird sie gleich verzeihen (. . .), ist der Fehler einmal kurz eingeräumt worden." Der religiöse Impuls, der gegen Ende stärker wird, mutet heute zwar eher naiv an. Und doch findet man auch hier humanistische Weite.

Dieses typografisch gediegen gestaltete Buch ist die richtige Wiederentdeckung für unsere notorisch hyperaufgeregten Zeiten, seine Klugheit und Ruhe erscheinen nötiger denn je.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-26 17:26:20
Letzte Änderung am 2018-07-30 07:31:32


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