• vom 28.07.2018, 13:00 Uhr

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Update: 28.07.2018, 13:32 Uhr

Literatur

Der weiße Wal des Übersetzers




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Ganz anders Rathjen: Als Anhänger ex-tremer Genauigkeit schmiegt er seine Übersetzung so nahe an die Syntax, Interpunk- tion oder das einzelne Wort des Originals an, wie es das Deutsche zulässt. Schreibt spröde und verquer, wo Melvilles Text es nun einmal ist, belässt dessen wuchernde Satzgebilde und gibt vertrackte Passagen in ähnlich vertracktem Deutsch wieder. In einem Deutsch, wie Dieter E. Zimmer in der "Zeit" kritisierte, "das niemand je gesprochen oder geschrieben hat oder schreiben wird". Nun, immerhin hat Rathjen ja auch Auszüge von "Finnegans Wake" übersetzt.

Information

Andreas Tesarik, Germanist, Filmwissenschafter, arbeitet bei der "Wiener Zeitung".


Rathjen beschreibt seine Vorgangsweise als konsequenten Dienst am Original. An dem dürfe ein Übersetzer nichts glätten, was rau und sperrig ist, komplizierte Stellen nicht vereinfachen, und was daran verstiegen, erratisch und ungehobelt ist, habe auch im Deutschen so zu sein, ja mehr noch: Lieber trägt Rathjen zu kräftig auf als halbherzig. "Behutsamkeiten sind fehl am Platz" bei einem Roman, den nicht nur Rathjen als monströs bezeichnet.

Das ist durchaus schlüssig und wurde auch beherzt umgesetzt. Die vielfältigen Tonlagen in den Figurenreden sind deutlicher abgebildet als in anderen Übersetzungen, besonders markant bei dem zwischen Seemannssprache, Theatralik und Predigerduktus changierenden Kapitän Ahab. Der generelle Erzählton ist allerdings gewöhnungsbedürftig, und manchmal knarzt Rathjens Text wie die Planken eines Windjammers bei schwerem Seegang.

Eine definitiv "richtige" Übersetzung kann es ohnehin nie geben. Dass gleich zwei moderne auf dem Markt sind, die beide ihre Stärken haben, ist kein Nachteil. Interessierte können wählen, ob sie mit Hanser an Bord eines Flaggschiffs der deutschen Verlagsflotte gehen oder sich der tapferen Brigg von Jung und Jung anvertrauen. Dass der österreichische Kleinverlag die eigenwillige und weniger marktgängige Fassung von Friedhelm Rathjen lieferbar hält - und das in einer schönen, fein illustrierten Ausgabe -, ist kein kleines Verdienst.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-26 17:29:15
Letzte Änderung am 2018-07-28 13:32:20


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