• vom 04.08.2018, 09:30 Uhr

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Familie im Ausnahmezustand




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Von Irene Prugger

  • Der deutsche Musiker und Musikproduzent Johann Scheerer greift einen der spektakulärsten Kriminalfälle der BRD auf: die Entführung seines Vaters Jan Philipp Reemtsma.

Johann Scheerer (verwebt den Ablauf der Entführung seines Vateres Jan Philipp Reemtsma mit Seelenqualen der Familie des Opfers.

Johann Scheerer (verwebt den Ablauf der Entführung seines Vateres Jan Philipp Reemtsma mit Seelenqualen der Familie des Opfers.© Christian Charisius / dpa / pict Johann Scheerer (verwebt den Ablauf der Entführung seines Vateres Jan Philipp Reemtsma mit Seelenqualen der Familie des Opfers.© Christian Charisius / dpa / pict

Es beginnt mit einer Fahrt nach New York. Für die kleine deutsche Familie, die sich dieses Ziel gewählt hat, ist die Metropole mit dem tosenden Leben kein Urlaubsziel, sondern ein "Fluchtkurort". Hier, wo sie keiner kennt, wollen Vater, Mutter und der dreizehnjährige Sohn wieder zurückfinden in ein normales Leben, weitgehend frei von Ängsten - und ohne Verfolgung durch die Presse.

Die Rückkehr ins normale Leben sollte sich allerdings als außerordentlich schwierig gestalten, denn die Familie hat eine traumatische Erfahrung hinter sich: Der Vater, Sozialwissenschafter und Millionenerbe Jan Philipp Reemtsma, ist erst kurz zuvor, nach 33-tägiger Tortur und Todesangst, von seinen Entführern um ein Lösegeld von 30 Millionen D-Mark freigelassen worden.

Sein Sohn Johann Scheerer (Jahrgang 1982) erzählt das mittlerweile mehr als zwanzig Jahre zurückliegende Geschehen aus der Perspektive des Erwachsenen, der sich an diese Zeit zurückerinnert, dabei aber ganz nah an der Sicht des Kindes bleibt.



Die dramatischen Ereignisse rund um Ostern 1996 beginnen für den Buben, als seine Mutter ihn mit den Worten weckt: "Johann, ich muss dir etwas sagen!" Die Lateinarbeit fällt an diesem Tag für ihn aus, und in nächster Zeit wird er die Schule gar nicht besuchen. Die Öffentlichkeit soll nichts mitbekommen von dem Entführungsfall, der sich wegen nicht zustande gekommener Geldübergaben zusehends in die Länge zieht. Zermürbendes Warten und die Angst um den Vater prägen die kommenden Wochen.

Information

Johann Scheerer
Wir sind dann wohl die Angehörigen

Die Geschichte einer Entführung. Roman. Piper Verlag, München 2018, 235 Seiten, 20,60 Euro.

Information:
Jan Philipp Reemtsma war am 25. März 1996 in Hamburg von einem gewissen Thomas Drach und dessen Komplizen entführt, in einem Hauskeller im niedersächsischen Garlstedt festgehalten und gegen Lösegeld am 26. April 1966 wieder freigelassen worden.
Thomas Drach wurde 1998 in Südamerika aufgespürt und an die deutsche Justiz ausgeliefert, die drei Komplizen des Haupttäters wurden ebenfalls gefasst. Der Verbleib des enormen Lösegeldes gibt allerdings bis heute Rätsel auf.



Johann wird von den Erwachsenen, insbesondere von seiner Mutter, weitgehend in die Geschehnisse mit einbezogen und über die Neuigkeiten informiert. Außerdem treffen Briefe an Frau und Sohn von Jan Philipp Reemtsma ein. Die Polizisten im Haus vermitteln einerseits Sicherheit, andererseits verhindert ihr Mitwirken eine zügige Abwicklung des "Geschäftes" - sodass die Geldübergabe letztendlich hinter dem Rücken der Polizei erfolgt. Umstände, die schon für Erwachsene wenig durchschaubar und kaum erträglich sind, einen Dreizehnjährigen verwirren sie umso mehr.

Johann - mittlerweile Musiker und Musikproduzent - flüchtet sich in sein geliebtes Gitarrenspiel, das aber wenig Ablenkung bringt. Zur undurchsichtigen Realität gesellt sich die Fantasie und lässt den Sohn sich ausmalen, wie grausam der Vater ums Leben kommen würde.

Diese quälenden Seelenzustände, eingebettet in den Ablauf der realen Ereignisse samt deren unvorhersehbaren Turbulenzen, versteht Johann Scheerer ohne Sentimentalität, mit wohltuend kritischer Distanz und dennoch packend und überzeugend zu schildern.

Kindliche Perspektive

Die kindliche Perspektive bewirkt allerdings, dass das als Roman deklarierte Buch - und als solchen muss man es demnach auch bewerten - stellenweise in einem Zwischenstadium hängenbleibt, nämlich zwischen dem Duktus eines Schüleraufsatzes und einer literarisch elaborierten Form. Die Erfahrungswelt des Kindes in einem derartigen Ausnahmezustand ist hochinteressant, wer den Fall jedoch lieber in analytischer Dichte nachbearbeitet haben will, liest besser das Buch "Im Keller" von Jan Philipp Reemtsma.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-02 17:53:26
Letzte Änderung am 2018-08-02 17:59:37


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