• vom 05.08.2018, 09:30 Uhr

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Ein Tag, nicht mehr




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Von Bruno Jaschke

  • Elizabeth H. Winthrops Roman "Mercy Seat" rollt einen realen Justizskandal multiperspektivisch auf.



"Morgen wird ihr Haar nach dem gebratenen Fisch stinken, wenn der Junge, für den sie kocht, nicht mehr da ist", denkt Nell. Aus Massachusetts stammend, künstlerisch begabt, von liberaler Weltsicht, ist Nell der Liebe wegen in den Süden gezogen, der ihr allerdings für immer fremd bleiben wird.

Ihr Mann ist der Staatsanwalt Polly Livingstone, der den jungen Schwarzen Will Jones auf den elektrischen Stuhl befördert. Er hat das Todesurteil für den 18-Jährigen durchgesetzt, weil dieser Grace, die Tochter eines Bäckers, vergewaltigt haben soll. In Wahrheit haben sich die beiden geliebt. Grace hat sich vor Kummer das Leben genommen und kann nicht befragt werden.

Information

Elizabeth H. Winthrop
Mercy Seat

Roman. Aus dem Englischen von Hansjörg Schertenleib. C. H. Beck, München 2018, 251 Seiten, 22,70 Euro.

Nicht nur das Fehlen von Beweisen, sondern auch das rassistisch motivierte Strafmaß spricht rechtsstaatlichen Prinzipien Hohn: Kein Weißer wäre wegen des Verbrechens der Vergewaltigung, dessen Will zu Unrecht schuldig gesprochen wurde, zum Tode verurteilt worden. Aber der Staatsanwalt hat sich durch eine Horde reaktionärer Wutbürger einschüchtern lassen, die gedroht haben, seinem Sohn Gewalt anzutun, falls er nicht ihrem Willen entspreche, "einen Nigger rösten zu sehen".

Will selbst nimmt das Urteil indes eigentümlich widerstandslos an, da er sich schuldig an Grace’ Tod fühlt. Seinen letzten Tag fängt die US-amerikanische Autorin Elizabeth H. Winthrop in ihrem Roman "Mercy Seat" (dt. "Stuhl der Gnade", Synonym für den elektrischen Stuhl, Anm.) aus verschiedenen Perspektiven ein: aus jener des Verurteilten selbst, in dessen Kopf das Bewusstsein für ultimativ letzte Dinge Erinnerungen überlagert; aus der des innerlich gepeinigten Staatsanwalts, seiner Frau und seines Sohns, deren quälende Fragen Pollys Schuldgefühle noch verstärken. Des Freigängers, der den elektrischen Stuhl - landläufig "Grausige Gertie" genannt - unter der Überwachung eines primitiven Gefängniswärters in einem Truck an die Hinrichtungsstätte überstellt. Des Priesters Hannigan, der Will Beistand geben soll und an der Bigotterie, den dumpfen Vorurteilen und archaischen Emotionen im ländlichen Louisiana verzweifelt. Aus der Sicht von Wills Vater Frank, der mit einem alten, ausgezehrten Maultier Wills Grabstein zu transportieren versucht. Oder aus jener des Tankwarts Dale und seiner Frau Ora, die, um ihren zum Kriegseinsatz abkommandierten Sohn bangend, eine Ehekrise durchleben. Ora fühlt sich hier im hinterwäldlerischen Niemandsland ausweglos gefangen.

Nicht auskommen zu können - das ist die Grundbefindlichkeit der Figuren in diesem Roman, der auf einer wahren Begebenheit beruht. Jeder Protagonist ist in irgendeiner Weise durch eine Fessel gebunden: Will und der Freigänger Lane durch gesetzliche Verfügung. Nell durch ihren Sohn Gabe, ohne den sie längst wieder in den Norden zurückgekehrt wäre. Ihr Mann Polly wegen der Bedrohung durch gewalttätige Rednecks. Oras Ehemann Dale wiederum durch seine Sozialisation, die ihm, der grundsätzlich kein aggressiver Rassist ist, eine einfache Weltsicht auf den Lebensweg mitgegeben hat, nach der das Wort "Nigger" und Ladentüren mit der Aufschrift "Nur für Weiße" als normal erscheinen. Der Priester Hannigan schließlich durch einen erschütterten Glauben, mit dem ins Reine zu kommen ihn in eine existenzielle Krise stürzt.

Laut Klappentext des C. H. Beck Verlags beruht der Roman "Mercy Seat" auf einer wahren Begebenheit. Die multiplen Erzählperspektiven machen ihn aber vom realistischen Abbild eines Justizskandals zum suprarealistischen Zeit- und Sittenbild, das von Elizabeth H. Winthrop umso eindringlicher und beklemmender in Szene gesetzt ist, als sie sich als Autorin zurücknimmt und die Geschichte ganz dem subjektiven Blick der Protagonisten überlässt:

"Lane erkennt Einzelheiten, die seine Vorstellung in eine Richtung drängen, die ihm nicht gefällt. An den Stellen, an denen die Fußknöchel festgebunden werden, ist das Holz versengt. die Armlehnen sind vorne vom Angstschweiß der Hände, die sie umklammert haben, dunkel verfärbt. Oben an der Lehne ist eine Metallkrone festgeschraubt, an der Rückseite des Stuhles hängt eine Kapuze, um das Gesicht zu verhüllen, das niemand sehen soll."





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-02 17:56:20
Letzte Änderung am 2018-08-02 18:04:25


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