• vom 12.08.2018, 10:00 Uhr

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Der Anwalt der Schwachen




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Von Peter Mohr

  • Der schwedische Erolfgsautor Henning Mankell übte in seinem Erstlingsroman "Der Sprengmeister" Kapitalismuskritik in holzschnittartiger Schwarz-Weiß-Malerei.

Henning Mankell (1948-2015).

Henning Mankell (1948-2015).© apa/dpa/Rolf Vennenbernd Henning Mankell (1948-2015).© apa/dpa/Rolf Vennenbernd

"Nein, ich könnte nicht sagen, welches meiner Bücher ich am meisten mag. Aber höchstens ein Drittel meiner Arbeit sind Krimis, und es ist schön, dass sie für die anderen Bücher eine Art Lokomotive geworden sind", hatte der schwedische Erfolgsautor Henning Mankell kurz vor seinem Tod erklärt. Und diese Lokomotive (um bei der Metapher zu bleiben) nimmt uns nun mit auf eine Reise in die Vergangenheit - zu Henning Mankells erstem, 1973 in Schweden erschienenen Roman "Der Sprengmeister".

Weltweit sind über 40 Millionen Mankell-Bücher verkauft worden, der Großteil davon waren die überaus erfolgreichen Romane um den kauzigen Kommissar Kurt Wallander. Wenige Tage vor seinem Tod war in deutscher Übersetzung sein Buch "Treibsand" (2015) erschienen und ließ den Leser auf quälende Weise an der unheilbaren Krebskrankheit des Autors teilhaben.

Arbeiterroman

Neben Krimis und qualitativ höchst unterschiedlichen erzählerischen Ausflügen nach Afrika pflegte Mankell noch ein drittes literarisches Standbein - den psychologisch ambitionierten "Gesellschaftsthriller" mit Romanen wie "Tiefe (2004)", "Kennedys Hirn" (2006), "Die italienischen Schuhe" (2007) und "Der Chinese" (2008).



Sein Debütwerk "Der Sprengmeister" fügt sich in keines dieser Segmente, denn Mankell hat einen klassischen Arbeiterroman vorgelegt, der (fast zwangsläufig) Erinnerungen an die Romane von Max von der Grün aufkommen lässt.

Information

Henning Mankell
Der Sprengmeister

Roman. Aus dem Schwedischen von Verena Reichel und Annika Ernst. Zsolnay, Wien 2018, 189 Seiten, 21,- Euro.



Wie in dessen Roman "Männer in zweifacher Nacht" (1962) dreht sich auch in Mankells Erstling alles um einem verheerenden Arbeitsunfall. Der Sprengmeister Oskar Johansson hat als junger Mann eine Detonation beim Tunnelbau überlebt. Soll er sich glücklich schätzen, dass er mit schweren körperlichen Schäden (er verlor einen Arm und ein Auge) die Katastrophe überlebt hat?

Nichts ist wie vorher, das Unglück hat ihn ungebremst an den Rand der Gesellschaft, auf eine Art Abstellgleis katapultiert. Seine Freundin Elly trennt sich von ihm; er heiratet später deren Schwester Elvira, die er auf einer Demonstration kennen gelernt hat, und bringt sich dann mit aller Kraft aktiv in der Arbeiterbewegung ein. Er kehrt sogar in seinen Beruf zurück, hält sich, seine Frau und die drei Kinder mehr schlecht als recht über Wasser. Nach dem Tod seiner Frau und dem Abriss des gesamten Wohnviertels, in dem er lebte, zog er sich zurück in ein Saunahaus auf einer einsamen Schäreninsel.

Wenn Johansson in einer Mischung aus Naivität und missionarischem Eifer über die "Revolution von unten" grübelt, entgleitet diese literarische Kapitalismuskritik in die seichten Sphären einer sozialromantischen Posse und liest sich heute über weite Strecken wie ein lang anhaltender, verzweifelter (und ungehörter) Schrei nach Gerechtigkeit.

Auch Mankells erzählerische Konstruktion kann nicht vollends überzeugen.

Erzählt wird Johanssons Lebensgeschichte von einer weitgehend anonymen dritten Person, die Oskar häufig auf der entlegenen Insel besucht. Die Zeitebenen vermischen sich, Erinnerungen und Gegenwart gehen in einer Aneinanderreihung von kurzen Hauptsätzen fließend ineinander über. Trotz aller gedanklichen und formalen Dissonanzen, die sich bei der Lektüre offenbaren, spürt man Mankells tiefgehende Sympathie für seinen Protagonisten, der sich auch im Alter auf seiner kleinen Insel einen Rest an Freundlichkeit bewahrt hat.

Gesellschaftskritik

Es ist wohl alles andere als Zufall, dass Henning Mankell auch den Arzt Frederik Welin in seinem letzten Roman "Die schwedischen Gummistiefel" (dt. 2016) auf einer Schäreninsel enden ließ. Dazwischen liegen Bücher höchst unterschiedlicher Qualität, doch alle Werke verbindet eine gehörige Portion implizite Gesellschaftskritik.

Im "Sprengmeister" hat sich Mankell, der "Anwalt der Schwachen", noch der brachialen Holzhammermethode bedient: "Arbeiter ist man immer geblieben. Es hat sich schon viel verändert, nur nicht für uns." Diese Formulierungen sind fraglos der Jugend des Autors geschuldet, dennoch wird man heute weder mit der Oskar-Figur noch mit Mankells literarischem Debüt richtig warm. Allzu viel holzschnittartige Schwarz-Weiß-Malerei.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-09 16:17:36
Letzte Änderung am 2018-08-09 16:39:03


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