• vom 15.08.2018, 19:24 Uhr

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Update: 15.08.2018, 19:47 Uhr

Dystopie

Ein neuer Anfang




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Von Mathias Ziegler

  • Deon Meyer betreibt in "Fever" eine Art Sozialstudie unter den Überlebenden eines fiktiven Killervirus, das 95 Prozent der Weltbevölkerung ausgerottet hat.



Angenommen, zwei Corona-Virusstämme - ein Menschen- und ein Fledermaus-Virus - vereinen sich irgendwie zu einem neuen Supervirus und killen binnen weniger Monate durch die Globalisierung 95 Prozent der Weltbevölkerung? Wie reagieren die 5 Prozent Überlebenden auf diese neue Situation, in der sämtliche Infrastrukturen mangels Betreuung zusammengebrochen sind, unbeaufsichtigte Atomkraftwerke in die Luft fliegen, Lebensmittel und Treibstoff knapp werden, domestizierte Tiere wieder zu Wildtieren werden?

Diese fiktive Situation bietet für Deon Meyer die Basis für eine Art Sozialstudie, in der er eine verhältnismäßig kleine Gruppe von Menschen (insgesamt ein paar tausend) beobachtet, die - vermutlich dank genetischer Immunität - das Killervirus überlebt haben und nun in Südafrika einen neuen Anfang wagen (müssen). Südafrika eignet sich dafür deshalb so gut, weil das Land per se so weitläufig ist, dass die Überlebenden dort Kolonien bilden können, die einander monatelang nicht in die Quere kommen - beziehungsweise weil die geografische Situation es marodierenden Banden erleichtert, jene, die bald wieder zu modernen sozialen Strukturen zurückzukehren versuchen, zu tyrannisieren.

Im Zentrum der Geschichte stehen Nico Storm und sein Vater Willem Storm, der nach dem großen Fieber (wie Nico es im Rückblick nennt) eine neue Gemeinschaft irgendwo im Nirgendwo aufbaut. Bald zieht es aus dem ganzen Land Menschen nach Amanzi, wie Willem sein Projekt nennt. Und bald zeigt sich, dass die Menschen sich auch in der neuen Situation nicht viel anders verhalten als vorher. Auch der Teenager Nico, dessen Verhältnis zu seinem Vater im Ausnahmezustand nachhaltig zerstört wurde, und der sich nun eine neue Vaterfigur sucht: den Ex-Soldaten Domingo, der ihn zum besten Schützen der Gemeinschaft ausbildet. Und der ihm auch sonst viel beibringt, was er sich von seinem Vater nicht mehr sagen lässt. Auf rund 700 Seiten erzählt Deon Meyer die Entwicklung eines Jugendlichen vom Kind zum Mann und lässt dazwischen auch noch anderes passieren, was die große Rahmenhandlung abrundet. Worauf das alles hinausläuft, wird an dieser Stelle nicht verraten - dass es nicht gut enden kann, ist aber schon nach der ersten Seite klar, denn Nico beginnt seine Memoiren mit dem Satz: "Ich will euch vom Mord an meinem Vater erzählen."

Bis der Leser zu besagtem Mord braucht er viel Durchhaltevermögen, denn es wird sich zuvor einiges ereignen, und es werden dabei auch viele andere Menschen durch anderer Menschen Hand sterben - nicht alles davon ist im ersten Moment schlüssig, manches davon ist zwar total irrational, aber eben auch typisch menschlich, und alles klärt sich am Ende irgendwie auf. Ob man dann als Leser mit dieser Auflösung auch zufriedengestellt wird, steht zwar auf einem anderen Blatt. Aber man hat bis dahin ein fast schon episches Opus in den Händen gehalten, das in gewisser Weise auch als Hommage an die menschliche Evolution und die Kulturleistungen des Homo sapiens zu lesen ist.

Deon Meyer: Fever
Ruetten & Loening; 702 Seiten; 20,60 Euro





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-15 19:46:58
Letzte Änderung am 2018-08-15 19:47:27


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