• vom 18.08.2018, 17:00 Uhr

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Wie der Zufall die Welt regiert




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Von Peter Jungwirth

  • Anlässlich der Wiederauflage von Paul Austers "Das rote Notizbuch" eine Annäherung an die raffinierte Wahrheits- und Wirklichkeitskonstruktion des US-amerikanischen Schriftstellers.



Urteilt nie endgültig - und überlässt gerne dem Leser die Antwort auf Fragen und Rätsel: Paul Auster.

Urteilt nie endgültig - und überlässt gerne dem Leser die Antwort auf Fragen und Rätsel: Paul Auster.© J.-C. Bourcart/Getty Images Urteilt nie endgültig - und überlässt gerne dem Leser die Antwort auf Fragen und Rätsel: Paul Auster.© J.-C. Bourcart/Getty Images

"Dies ist eine wahre Geschichte". Das ist der Satz, der die Sache auf den Punkt bringt. Paul Austers "Rotes Notizbuch", in deutscher Sprache erstmals 1996 erschienen, ist eine Sammlung von wahren Geschichten. Zumindest behauptet Auster, dass alle Geschichten wahr sind. Und er, der Autor, sollte es ja wissen. Aber kann man überhaupt wissen, ob das, was man für wahr hält, auch wahr ist? Dieser Zweifel plagt sichtlich auch Auster und er hat sein "Rotes Notizbuch" vielleicht aus genau diesem Grund geschrieben: "Vielleicht will ich mich auf diese Weise daran erinnern, dass ich nichts weiß, dass die Welt, auf der ich lebe, sich mir ewig entziehen wird."

Zwanzig packende Geschichten sind es jedenfalls in der heuer neu erschienenen, ergänzten Fassung, die meisten davon sind nur zwei bis vier Seiten lang, und alle berichten von Ereignissen, bei denen Zufälle Weichen im Leben von Menschen stellen. Einige dieser Zufälle scheinen banal oder komisch. Andere sind tief tragisch. Vor allem aber sind die meisten Zufälle sehr unwahrscheinlich. Und manche sogar ganz phantastisch.

Zweimal Hepburn

Da ist zum Beispiel die Geschichte des Mannes, der eine Matisse-Ausstellung organisieren will und jahrelang Bilder aus Privatsammlungen und Museen überall auf der Welt zusammenträgt. Am Ende fehlt ihm nur mehr ein einziges "Bild, das einfach nicht aufzutreiben war - ausgerechnet ein ganz wichtiges, das das Zentrum der gesamten Ausstellung bildete". Ein halbes Jahr lang spürt der Mann diesem Bild erfolglos nach. Dann findet er heraus, dass es die "ganze Zeit über nur ein paar Meter von ihm entfernt gewesen war. Es war im Besitz einer Frau, die in einem Apartment des Carlyle Hotels wohnte." Und der Mann, der genau dieses Bild rund um den Globus gesucht hatte, logierte zufällig jedes Mal, wenn er in New York war, im Carlyle Hotel. Meistens sogar in einem Zimmer, das genau unter dem Apartment lag, in dem das Matisse-Bild die ganze Zeit lang hing.



Information

Paul Auster
Das rote Notizbuch
Wahre Geschichten. Aus dem Englischen von Werner Schmitz. Rowohlt, Hamburg 2018, 106 Seiten, 15,50 Euro.

Paul Auster
4321
Roman. Aus dem Englischen von Thomas Gunkel, Werner Schmitz, Karsten Singelmann und Nikolaus Stingl. Rowohlt Taschenbuch, Hamburg 2017, 1259 Seiten, 18,50 Euro.

Da ist die Geschichte der Frau, die sich hochschwanger auf das Sofa setzt und den Fernseher anstellt. Zufällig läuft "Geschichte einer Nonne" mit Audrey Hepburn. Dann setzen die Wehen ein, die Frau wird von ihrem Mann ins Krankenhaus gebracht und kann den Film nicht zu Ende ansehen. Drei Jahre später ist die Frau wieder schwanger, setzt sich aufs Sofa und stellt den Fernseher an. Wieder läuft zufällig "Geschichte einer Nonne" mit Audrey Hepburn. Diesmal kann die Frau den Film - in den sie zufällig bei der Szene hineingerät, bei der sie drei Jahre davor aussteigen musste - bis zum Ende sehen. "Keine Viertelstunde später platzte die Fruchtblase, sie fuhr ins Krankenhaus und gebar ihr zweites Kind".




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-16 17:53:55
Letzte Änderung am 2018-08-17 14:15:35


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