• vom 18.08.2018, 17:00 Uhr

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Wie der Zufall die Welt regiert




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Und da ist auch die Geschichte des Jungen, der vom Blitz erschlagen wird. Paul Auster ist vierzehn, als er diese Tragödie als Augenzeuge erlebt. Seine Eltern haben ihn auf ein Ferienlager geschickt. Eines Tages wird eine Wanderung in die Wälder unternommen, ein schweres Gewitter kommt auf, und die orientierungslosen Betreuer - besserwisserische Collegestudenten aus New York, für die "Bergsteigen, Zelte aufschlagen, Singen am Lagerfeuer" keinerlei Bedeutung haben - finden den Rückweg ins Camp nicht mehr. Was folgt, wird für alle Beteiligten rasch zum blanken Horror, der schier kein Ende nimmt. "Es war ein Gewitter wie aus den Seiten der Bibel gerissen, und es ging immer weiter, als wollte es niemals mehr aufhören."

Am Ende ist ein Junge tot. Aber Auster bemerkt das zunächst gar nicht. Obwohl der Bub direkt vor seinen Augen vom Blitz erschlagen wird. Auster denkt, er sei ohnmächtig. Er hält ihn eine Stunde im Arm, spürt, dass er immer kälter wird, aber ihm kommt auch beim Anblick des blau werdenden Gesichtes nie der Gedanke, dass er bereits tot sein könnte. Spätestens da wird unübersehbar, wie viel das "Rote Notizbuch" von Austers monumentalen Roman "4321" (2017 sowohl im Original als auch auf Deutsch erschienen) bereits vorwegnimmt.

Elementare Themen

Und spätestens da begreift man, wie schwer das schlanke "Rote Notizbuch" wiegt. Nur knapp über 100 Seiten hat es in der nunmehrigen deutschen Fassung - und beginnt federleicht. Aber Stufe für Stufe führt Auster in sein eigenes Inneres - zu seinen eindrücklichsten Erinnerungen. Und damit nicht nur zum unvergesslichen Geschmack eines vor vielen Jahren in Frankreich gegessenen Zwiebelkuchens, sondern auch an den Rand der menschlichen Existenz. Sein oder nicht sein. Werden und Vergehen. Verzweiflung und Hoffnung. Liebe und Hass. Von diesen elementaren Themen und Befindlichkeiten erzählt Auster. Er beschreibt prägnant die damit verbundenen starken Eindrücke. Und präzise die Erinnerungen an diese starken Eindrücke.

Wobei auch die stärksten Erinnerungen sich oft als nicht tragfähig erweisen, weil bereits die Wahrnehmung nur ein Trugbild war. Da läuft der junge Paul Auster etwa jahrelang mit dem guten Gefühl durchs Leben, einem kleinen Mädchen einst das Leben gerettet zu haben. Sie war beim Aussteigen aus dem Auto seines Vaters, der die Handbremse nicht angezogen hatte, hingefallen und kurz in Gefahr, "zu Tode gequetscht zu werden". Auster zieht das Mädchen blitzschnell unter dem Auto hervor. Merkwürdigerweise bleibt es dabei ganz still.

Jahre später, als er der mittlerweile jungen Frau zufällig begegnet, stellt er verblüfft fest, dass sie sich an diesen Vorfall nicht erinnert: "Da erst wurde mir klar: Sie hatte damals gar nicht bemerkt, dass der Wagen sich bewegte. Sie hatte gar nicht gewusst, das sie sich in Gefahr befand. Für sie war das Ganze die Sache eines Augenblicks gewesen, zehn Sekunden in ihrem Leben, eine belanglose Episode, die nicht den geringsten Eindruck bei ihr hinterlassen hatte."

Konkrete Irrtümer

In ähnlicher Weise entgeht auch anderen Protagonisten ein entscheidender Aspekt der Realität ihres Lebens. Auster überlässt es dabei dem Leser, sich eine eigene Meinung darüber zu bilden, welche "Wahrheit" der "Wirklichkeit" besser entspricht. Er urteilt nie endgültig, er beschränkt sich auf die Aufzählung aller ihm berichteten oder von ihm selbst wahrgenommenen Fakten - wobei er seine eigenen Vorurteile mit reflektiert, und seine konkreten Irrtümer nicht verschweigt. Mit anderen Worten: Auster seziert im "Roten Notizbuch" jenes unfassbare Phänomen, das man im Alltag, ohne groß darüber nachzudenken, "Wahrheit" nennt.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-16 17:53:55
Letzte Änderung am 2018-08-17 14:15:35


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