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Update: 24.08.2018, 19:31 Uhr

Comic

Das Rätsel des 20. Jahrhunderts




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Mit New Yorker Architekturgebilden: Aus "Fun".

Mit New Yorker Architekturgebilden: Aus "Fun".© avant-verlag Mit New Yorker Architekturgebilden: Aus "Fun".© avant-verlag

"Tak, ta, tak, tak, tak, tak . . .": Die Geräusche stammen von der Tastatur Pippo Questers, dem fiktiven Erfolgsautor im Comic, der gerade ein Buch über das Kreuzworträtsel mit dem Titel "Der vertikale Horizont" in die Tasten hämmert. Quester ist offenbar das Alter Ego von Stefano Bartezzaghi, Sohn des berühmten italienischen Enigmatisten, Schüler von Umberto Eco und selbst Autor, unter anderem des viel beachteten Essaybands "L’orizzonte verticale" (2007). Darin verortet Bartezzaghi die Entstehung des Kreuzworträtsels kulturhistorisch im Kontext dessen, was er "den Horizont der Moderne" nennt, der sich von den Techniken der Montage über den Kubismus bis hin zum Jazz spannt.

Im Comic lässt Bacilieri sein eigenes, bereits in den 1980er Jahren geschaffenes und seither kultiviertes Alter Ego, Zeno Porno, mit jenem Quester zusammentreffen. (Zeno Porno ist Disney-Zeichner und Vater einer kleinen Tochter.) Die Entdeckung der Verwandtschaft zwischen Kreuzworträtsel und Comic, die Bacilieri über fast 300 Seiten eindrucksvoll in immer neuen Facetten grafisch evident macht, ist schließlich eine Folge dieser Begegnung.

Krimi-Komponente

Die Krimi-Komponente kommt durch die mysteriöse Studentin Malfalda ins Spiel, die plötzlich aus dem Nichts auftaucht und für ein gehöriges Durcheinander sorgt. Der geheimnisvolle Hintergrund ihrer Handlungen und der damit verquickte Nervenkitzel spiegelt letztlich die Faszination eines Buchstabenspiels, das erstmals in den 1920er Jahren einen wahren Wahn ausgelöst hatte, den crossword craze, der das Rätselfieber seither immer wieder in die Höhe getrieben hat.


© avant-verlag © avant-verlag

Während des Zweiten Weltkriegs haben die Verfasser von Kreuzworträtseln sogar mehrmals die Aufmerksamkeit von diversen Nachrichtendiensten auf sich gezogen. In der ehemaligen DDR wiederum hat in den 1980er Jahren der sogenannte "Kreuzworträtselmord" Schlagzeilen gemacht.

Paolo Bacilieris virtuose Verschachtelungen der Chronik des Kreuzworträtsels mit den privaten Lebensgeschichten Zenos (abwechselnd in verschiedenen Farben und Stilen) sowie seine raumzeitlichen Sprünge zwischen Mailand und New York, zwischen Vergangenheit und Gegenwart lassen das Labyrinthische plastisch hervortreten, das dem Kreuzworträtsel zugrunde liegt und mit seiner sprachspielerischen Komponente eng verknüpft ist.

Das ist zweifellos der Grund dafür, dass sich neben den Rätselexperten (darunter Will Wenig, Eugene T. Maleska, Tristan Bernard oder eben Piero Bartezzaghi) stets auch Dichter und Intellektuelle für dieses Spiel des modernen Homo ludens entflammen konnten. Neben Ernest Hemingway oder Vladimir Nabokov ist dies vor allem Georges Perec - der im Comic auch gebührend in Erscheinung tritt.

Der französische Schriftsteller verfasste zwischen 1976 und seinem Tod im Jahr 1982 regelmäßig Kreuzworträtsel für das Wochenmagazin "Le Point". Perec stammt aus dem Autorenkreis Oulipo (Ouvroir de Littérature Potentielle, dt.: Werkstatt für potentielle Literatur), der von Raymond Queneau gegründet worden war und das Experimentieren mit Sprache zur Regel erhoben hatte.

Perec selbst, der dem Spiel sogar eine rettende Kraft zugestand, legte seinen Romanen komplexe, Puzzle-artige Muster zugrunde. Entdeckt hatte er, dessen Mutter in Auschwitz umgebracht wurde, das Rettende des Spiels ausgerechnet in diesem Zusammenhang, denn selbst Auschwitz-Gefangene bedienten sich dort, wo dies kaum noch möglich erscheint, des Spiels und der Künste, um zu überleben.

Information

Paolo Bacilieri (Text und Zeichnung): Fun
aus dem Italienischen von Banjamin Clay. avant-verlag, Berlin 2018, 296 Seiten, 30,- Euro.

Die Zeitschrift "Literatur und Kritik" gibt in der Ausgabe Juli 2018 (Nr. 525/526) einen Überblick über das "Comicland Österreich" (Otto Müller Verlag, 10,-Euro.)

Gänzlich jenseits solch extremer, unmenschlicher Bedingungen erlangte das Kreuzworträtsel mit seiner ausgewogenen Verteilung weißer und schwarzer Kästchen im 20. Jahrhundert auch Bedeutung als temporärer Fluchtort oder Ruhepol innerhalb einer ständig sich in Bewegung befindenden Epoche. Wie jedes Spiel, stellt das Buchstabenrätsel eine Art Stillstand dar, eine Zeit außerhalb der Zeit. Doch zugleich leistet es im Kleinen, wie dieser Comic aufs Eindrücklichste veranschaulicht, eine Verrätselung, Verzauberung und Poetisierung eines entzauberten, prosaischen Jahrhunderts.


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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-23 16:35:58
Letzte Änderung am 2018-08-24 19:31:31


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