• vom 26.08.2018, 17:00 Uhr

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Literatur

Aufgerissene Seelenlandschaften




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Von Gunther Neumann

  • Annett Krendlesbergers sprachliche Nachtgewitter: der Prosaband "Zwei Blatt und zwei".



Ferragosto: Mitten im Hochsommer fliegt, ja flieht eine Frau von Wien nach Rom in die leere Wohnung einer italienischen Freundin. "Zwei Blatt und zwei" - schlicht "Prosa", nicht Roman genannt - sind verwobene Szenen und wütende Wehklagen über den Verlust einer in bruchstückhaften, scharfkantigen Bildern aufgerollten Beziehung.

Im Dschungel ihrer Wahrnehmungen ergreifen grimmige Gefühle von der Ich-Erzählerin Besitz, und stürzen mit ungebremster Wucht auf den Leser ein. Die Protagonistin nimmt eine rundum akzeptierte Normalität als unerträglichen Wahnsinn wahr, die empfundene Macht von Männern und Ohnmacht von Frauen - und deren manchmal anbiederndes Mitläufertum, von dem sie geradezu körperlich angewidert ist.

Information

Annett Krendlesberger
Zwei Blatt und zwei

Prosa. Verlag Bibliothek der Provinz, Weitra 2018, 144 Seiten, 15,- Euro.

Umgekehrt erlebt sie das Gedachte, Befürchtete real. In radikal subjektiven Betrachtungen schont sie nichts und niemanden. Ihre widerborstige Außensicht ist zugleich die Innensicht auf aufgerissene Landschaften einer verletzten Seele, die ihre Bitterkeit weniger aus sich heraus als in sich hinein schreit und den Leser in eine umfassende Beklommenheit zieht. Im sprachlichen Furor geraten andere Figuren notgedrungen grobkörnig.

Zögernd gerät man in den Sog brodelnder, dann eruptiver literarischer Tiraden mit gelungenen Gleichnissen wie "Und schon reißt Dutyfree sein cremiges Maul auf" oder "Mir zerfließen Eiswürfel im Kragen". Die Fülle an Bildern, Gedankensplittern, Nominalsätzen, Rückblenden, Zeitsprüngen und Ortswechseln verlangt Konzentration. In provokanter, nicht geglätteter Sprachgewalt mit österreichisch-dialektalen und italienischen Einsprengseln gewährt die Erzählstimme keine Atempause.

Dass in der "Bibliothek der Provinz" veröffentlichte Literatur gar nicht provinziell ist, beweist der Waldviertler Verlag öfters, zuletzt etwa mit Bodo Hells "Kunstschrift" oder Isabella Breiers "DesertLotusNest". Annett Krendlesbergers lodernde "Zwei Blatt und zwei" sind keine flockig-leichte Sommerlektüre, sondern eine Abfolge von sprachlichen Nachtgewittern, deren Blitze jeden Augenblick neue Bilder aufflammen lassen.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-24 14:50:46
Letzte Änderung am 2018-08-24 15:05:08


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