• vom 25.08.2018, 10:00 Uhr

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Verirrungen und Verwirrungen




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Von Irene Prugger

  • Michael Köhlmeier konfrontiert uns in einer verschlungenen Familiengeschichte mit den großen Fragen zur menschlichen Existenz.

Fabulierlust, ironisch auf die Spitze getrieben: Michael Köhlmeier. - © Irene Prugger

Fabulierlust, ironisch auf die Spitze getrieben: Michael Köhlmeier. © Irene Prugger

"Wer sich in Familie begibt, kommt darin um", behauptete der Schriftsteller Heimito von Doderer. So schlimm steht es zwar nicht um die Familie Lenobel aus Michael Köhlmeiers neuem Roman, aber zum Verrücktwerden reicht es. Oder zumindest dazu, für verrückt gehalten zu werden. Und Hanna hält ihren Mann, den Psychiater und Therapeuten Robert Lenobel, für verrückt, weil er schon lange in einer Midlife-Krise steckt und sich nun auch noch abgesetzt hat, ohne eine Mitteilung zu hinterlassen, wohin und für wie lange. Jetzt kann nur noch Jetti helfen, Roberts geliebte, schöne Schwester, die von Dublin nach Wien reist, um ihrer Schwägerin, mit der sie ein spannungsgeladenes Verhältnis verbindet, zur Seite zu stehen.



Jetti hat allerdings selber eine Menge Probleme, die vermutlich, wie bei Robert, in einer unbewältigten familiären Leidensgeschichte wurzeln: Roberts und Jettis jüdische Großeltern mütterlicherseits wurden in einem Konzentrationslager ermordet, die anderen Großeltern nahmen sich in Israel das Leben. Der Vater hat die Familie schon früh verlassen, die Mutter, die 1938 mit einem Kindertransport nach England gekommen war, landete, von Schwermut geplagt, in einer psychiatrischen Klinik.

Information

Michael Köhlmeier
Bruder und Schwester Lenobel

Roman. Hanser, München 2018, 540 Seiten, 26,80 Euro.

Buchpräsentation:
Donnerstag, 13. 9. um 20 Uhr im Wiener Akademietheater.

Strudel der Gefühle

Es ist schwierig, im Leben Fuß zu fassen und die Balance zu finden, wenn einem immer wieder der Boden weggezogen wird und man ständig um Identität und Selbstbewusstsein ringen muss. Das System Familie ist in diesem Strudel der Gefühle gleichermaßen Hilfe wie Hindernis. Köhlmeiers Schreibkunst bewirkt, dass man lesend in diesen Strudel immer tiefer hineingezogen wird, ohne noch zu wissen, an welchem Strang man sich festhalten kann, um den Überblick zu behalten. Aber darum geht es letztlich gar nicht, vielmehr geht es um die Konfrontation mit Fragen zur menschlichen Existenz und zur Wertehaltung, die an einfachen Alltagsszenen sowie an komplexen Erzählstrukturen abgehandelt werden.

Wenn man sich wegen drängender philosophischer Überlegungen in der verschlungenen Lenobel’schen Familiengeschichte mit den zahlreichen Nebenfiguren plötzlich nicht mehr auskennt, bringt Schriftsteller Sebastian Lukasser wieder mehr Klarheit, indem er eine kluge, zusammenfassende Außensicht vertritt.

Wie die Geschwister Lenobel gehört auch er inzwischen zu Köhlmeiers Protagonisten-Crew. Diesmal nimmt er als Roberts und Jettis Freund sogar eine der Hauptrollen ein und ist mehr als einen guten Auftritt wert, erscheint mit seiner Lebensweisheit, Attraktivität, seinem Humor und seiner Bescheidenheit sogar als der heimliche Held des Buches. Ein richtig guter Typ, dieser Micha. . . - dieser Sebastian Lukasser. Kein Wunder, dass er das anspruchsvolle Herz der schönen und begehrten Jetti gewinnt. Sebastian ahnt auch schon, was Jetti erst durch ein an sie adressiertes Mail herausfindet: dass Robert in Israel weilt, dem Land seiner Vorfahren.

Dort sucht Robert Identität und Selbsterkenntnis. "Das war er: ein weitgereister Jude, der keine Sprache verstand außer der seinen und keine andere sprach, nicht einmal die Allerweltssprache. Und warum nicht? Weil er nicht aus unser aller Welt kam?" Sollte Robert trotzdem wieder in die Welt seiner bürgerlichen Wiener Existenz zurückfinden, dann vermutlich mit Hilfe von Sebastian Lukasser. Sie beide verbindet nicht nur eine langjährige Freundschaft, sondern auch die Liebe zu Büchern und die Beschäftigung mit Märchen.

Märchen-Sequenzen

Kurzmärchen, die niemand kennt und die sich lesen, als wären sie aus dem Stegreif erzählt, sind deshalb den Kapiteln vorangestellt. Für das Verständnis der Familiengeschichte sind sie nicht unbedingt notwendig, im Gegenteil: ganz im Sinne von Robert Lenobel und Sebastian Lukasser stiften sie Verwirrung, indem sie sich inmitten von Chaos und Anarchie einer logischen wie auch psychologischen Deutung weitgehend entziehen.

In diesen Märchen-Sequenzen treibt Köhlmeier seine Fabulierlust ironisch auf die Spitze. Ansonsten allerdings lässt er Behutsamkeit walten, erzählt zurückhaltend und manchmal fast wie nebenbei von den Verirrungen und Verwirrungen, von den Lustbarkeiten und Grausamkeiten des Lebens. Er entwickelt dabei einen faszinierenden erzählerischen Sog und erreicht eine hohe Dichte an Episoden von enormer sprachlicher und stilistischer Schönheit.






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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-24 14:50:57
Letzte Änderung am 2018-08-24 15:08:36


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