• vom 27.08.2018, 09:30 Uhr

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Sisyphos reloaded




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Von Shirin Sojitrawalla

  • Die deutsche Schriftstellerin Saskia Hennig von Lange schickt eine beschädigte Figur auf Selbsterkundung - und betreibtdabei ein ausgeklügeltes Spiel mit der Fiktion.

Viel Raum für das Unausgesprochene: Saskia Hennig von Lange.

Viel Raum für das Unausgesprochene: Saskia Hennig von Lange.© Stefan Freund Viel Raum für das Unausgesprochene: Saskia Hennig von Lange.© Stefan Freund

"Jetzt sitzt er hier und würde doch lieber woanders sitzen". Das Drama der menschlichen Existenz, komprimiert in einem ersten Satz. Man kann dabei an den zu Tode zitierten Blaise Pascal denken, der meinte, das ganze Unglück des Menschen rühre allein daher, dass er nicht ruhig in einem Zimmer bleiben könne.

Im vorliegenden Buch ist es der männliche Protagonist, der nicht da sein will, wo er ist. Erfunden hat ihn die in Frankfurt lebende Schriftstellerin Saskia Hennig von Lange, die sich seit ihrem Debüt, der Novelle "Alles, was draußen ist", einen Namen gemacht hat für knappe rätselhafte Geschichten, in denen das Unausgesprochene mindestens ebenso viel Raum erhält wie das Gesagte.

Sonderling

In einer schmucklos wirkenden, in Wahrheit auf den Kern reduzierten Sprache heftet sich von Lange ihrem neuen Antihelden an die Fersen. Es sind kurze, schlackenlose Sätze, in denen eine Existenz aufscheint. Sie erzählt von dem Mann in der dritten Person, was ihn noch fremder macht, und wählt das Präsens, sodass man als Leser unmittelbar an Figur und Geschehen bleibt. Der Mann sitzt in einem Lastwagen; im Laderaum eine Fracht, die er irgendwohin bringen muss, um dann neue Güter zu holen, und immer so weiter. Sisyphos reloaded. Es handelt sich um einen Sonderling, wie er im Buche steht. Aus dem, was er denkt, erfahren wir zudem, dass es eine Frau gibt, die ein Kind von ihm erwartet, wobei unklar ist, ob das der Realität entspricht oder nur seinen Hirngespinsten.



In seinen Eigen- und Sonderbarkeiten entpuppt sich dieser Mann als Zwangsneurotiker ("Zählen hilft immer"), der es nicht schafft, mit sich selbst identisch zu werden. Es geschieht ein Unfall, Begegnungen mit Tieren und einem Jungen folgen, alles bleibt reizvoll im Vagen. Im Unterholz rumort es - und dort, wo der Wald wirklich beginnt, schließen wir lieber die Augen.

Information

Saskia Hennig von Lange
Hier beginnt der Wald

Roman. Jung und Jung, Salzburg 2018, 149 Seiten, 18,- Euro.



Erinnerungen an seine Mutter fügen sich zum Bild einer beschädigten Figur, die teils an Henry David Thoreaus "Walden" denken lässt, teils an die Protagonisten aus Cormac McCarthys Roman "Die Straße". Es ist womöglich auch ein Abschied von der Kindheit, der sich hier zwischen den Zeilen ereignet. Vielleicht aber verwirklicht der Mann auch bloß einen Aussteigertraum. Einerlei, denn was immer er tut oder denkt, stets begegnet er sich dabei selbst, sodass das Büchlein auch als Selbsterkundung, Selbstbegegnung, Selbstbefragung gelesen werden kann. Dabei treibt die Autorin das Spiel mit der Fiktion hinreichend weit, etwa wenn sie schreibt: "Er war wirklich da."

Möglichkeitsräume

Das Spiel mit Ambivalenzen beherrscht sie perfekt, öffnet großzügig Möglichkeitsräume, in denen das Unheimliche neben dem Bekannten lebt. Dabei erzählt sie auch von Einsamkeit und Liebe, etwa wenn sie schreibt: "Früher hat er beim Einschlafen immer an seinem Unterarm gerochen. Hat sich vorgestellt, das wäre der Arm eines anderen, und hat gedacht, eines Tages treffe ich jemanden, der auch so gut riecht wie ich."

Gedanken, die wie so viele andere den Kopf des Mannes bevölkern. Wie sich überhaupt mit zunehmender Lektüre der Gedanke aufdrängt, dass alles, was in diesem Roman geschieht, sich ausschließlich in seinem Kopf abspielt. Denn wie heißt es an einer Stelle so treffend: "Mit dem Kopf kann man machen, was man will."





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-24 14:53:52
Letzte Änderung am 2018-08-24 15:03:18


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