• vom 01.09.2018, 15:00 Uhr

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Literatur

Überwindung der Grenzlinien




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Von Janko Ferk

  • Barbara Frischmuths phantasievolle Kindergeschichte ohne Altersgrenze entstand unter dem Eindruck des jugoslawischen Bürgerkriegs.

Setzt auf philosophische Märchen für Erwachsene: Barbara Frischmuth.

Setzt auf philosophische Märchen für Erwachsene: Barbara Frischmuth.© Christian Jungwirth Setzt auf philosophische Märchen für Erwachsene: Barbara Frischmuth.© Christian Jungwirth

Zum ersten Mal erschien Barbara Frischmuths "Machtnix"-Geschichte im Jahr 1993. Die Autorin hat das Buch unter dem Eindruck des jugoslawischen Bürgerkriegs geschrieben. Die Neuauflage ist noch nach einem Vierteljahrhundert aktuell, was heißt, dass das Buch Qualität beweist und im Angesicht der größten Kritikerin, der Zeit, mühelos besteht.

"Machtnix" ist die Geschichte eines mutigen Mädchens, das vor Krieg und Zerstörung flüchtet und unerwartet Freunde findet. Es ist eine blühende Legierung verschiedener literarischer Ingredienzien, von Bibel, Kinderbuch, Märchen, Roman und einem ganz gehörigen Schuss Fantasy-Story beziehungsweise Science-Fiction, auch Mythen werden beigemengt.

Bande auf Wanderschaft

Das Mädchen, das sich nicht mehr an den eigenen Namen erinnern kann, wird Machtnix genannt, läuft allein aus einem Gefangenenlager weg und begegnet der zweifaltigen Kröte, die sich einbildet, die Welt erschaffen zu haben. Gemeinsam ziehen sie weiter. Auf der Wanderschaft finden sie weitere Gesellen: ein blindes Huhn, eine "ohnmächtelnde" Maus und Klein-Gottfried, ein buchstäblicher Blindgänger. Die Bande, die sich freiwillig gebildet hat, erweckt den Eindruck pervertierter Bremer Stadtmusikanten, die versuchen, dem Krieg zu entfliehen - doch der kann mittlerweile jede beliebige Gestalt annehmen, weshalb die alte Erde ihrer allgemeinen Vernichtung entgegengeht.



Es muss also etwas geschehen. Die Zentrale muss gestoppt werden. Das klingt zwar überzeugend, doch weiß niemand, wer oder was die Zentrale ist, geschweige denn hat irgendjemand einen Plan für den Abbruch. Zum Glück schalten sich die Ratten ein. . . Mehr sei zum "Lauf, den die Welt nahm" aber nicht gesagt.

Information

Barbara Frischmuth
Machtnix oder Der Lauf, den die Welt nahm

Residenz Verlag, Wien 2018, 217 Seiten, 22,- Euro.



Eine Gattungsbezeichnung fehlt, und Barbara Frischmuth selbst hat erklärt, dass sie "Machtnix" nicht als Kinderbuch betrachte. Am ehesten ist es ein philosophierendes Werk, das nicht nur von der Phantasie der Autorin, sondern auch von Anspielungen und Zitaten lebt. Im Übrigen hat Frischmuth in ihren Münchner Poetik-Vorlesungen klipp und klar gemeint: "Literatur entsteht nun mal aus Literatur." Mit Frischmuths Literatur könnte man unstrittig zwei Bücher assoziieren, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden sind, und im weitesten Sinn unter dem Eindruck verheerender Erfahrungen geschrieben wurden: zum einen Ilse Aichingers "Die größere Hoffnung" über ein jüdisches Mädchen, dessen größter Wunsch es ist, der Mutter ins Exil zu folgen; zum anderen Robert Neumanns "Die Kinder von Wien".

"Machtnix" ist weder kinderliterarisch adressiert, noch kindertümlich oder jugendgefällig weichgezeichnet. Das Buch richtet sich nicht dezidiert an eine bestimmte Lesegeneration - was Frischmuth offensichtlich dadurch erreichen wollte, dass das genaue Alter des Mädchens ungewiss bleibt; erst am Ende der Geschichte überschreitet es die Schwelle vom Kindes- zum Erwachsenenalter.

Geborene Entgrenzer

Auch dies ist ein interessanter Aspekt des Buchs: Die Gemeinschaft befindet sich nicht nur auf einer Reise durch die Welt, sondern "Machtnix" auch auf einer zu sich selbst. Die Geschichte könnte daher auch als Entwicklungsroman gelesen werden.

Barbara Frischmuths multiples Werk weist viele Konstanten auf. "Machtnix" kann man zweifellos in ihre "Kindergeschichten" einordnen, zu denen das frühe Werk "Die Klosterschule" gehört und in der Folge die "Amoralische Kinderklapper" sowie nicht zuletzt "Sommersee". In all diesen Arbeiten kommt zum Ausdruck, dass Kinder geborene Entgrenzer sind, weil sie mit ihrer Phantasie die Fähigkeit haben, Grenzlinien zu überschreiten oder vielmehr zu überwinden. Im Eigentlichen hat die Autorin diese Fähigkeit(en). Das weist Barbara Frischmuth, 1941 in Altaussee geboren und seit einigen Jahren wieder dorf lebend, als eine große österreichische Schriftstellerin aus.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-30 14:50:54
Letzte Änderung am 2018-08-30 17:22:51


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