• vom 02.09.2018, 09:30 Uhr

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Literatur

Unterwegs auf der Wehmutsbahn




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Von Otto A. Böhmer

  • Die deutsche Autorin Anne Reinecke besticht mit ihrem fein-ironischen Romandebüt "Leinsee", das vom Künstlerbetrieb erzählt - und von einer ungewöhnlichen Liebe.





Kunst und Künstlern, gerne auch Literaten und Literaturkritikern, trauen wir, die wir uns für Normalsterbliche, ohne Anspruch auf Nachruhm, halten müssen, noch immer nicht so recht über den Weg. Das liegt wohl vor allem am Betrieb, in dem die Künste, die nicht immer schöne Künste sind, zelebriert werden; etwas Bemühtes, Wichtigtuerisches scheint dort zu herrschen, was aber wiederum nur an unserer beschränkten Auffassungsgabe liegen mag, zu der auch gehört, dass wir uns, zugegeben, dann und wann schon mal über eine bewährte, wenngleich leicht dämliche Frage wie "Ist das Kunst oder kann das weg?" gefreut haben.

Information

Anne Reinecke
Leinsee

Roman. Diogenes, Zürich 2018, 368 Seiten, 24,- Euro.

Vom Kunstbetrieb und von noch viel mehr erzählt Anne Reineckes Roman "Leinsee", der zugleich ein bemerkenswertes und erfreuliches Debüt ist. Die Autorin (Jg. 1978), laut Verlagsauskunft in einem früheren Leben auch als "Stadtführerin" unterwegs, offenbart beträchtliche Qualitäten: Ihre Leser führt sie, unangestrengt und mit feiner Ironie, durch eine Geschichte, die, was nicht auf Anhieb erfahrbar wird, vor allem eines ist: eine ungewöhnliche Liebesgeschichte, die sich nahezu unbemerkt anbahnt, dann zusehends spektakulärer wird, um schließlich in eine Wehmutsbahn einzubiegen, auf der fast alle Liebenden, irgendwann mal, unterwegs sind, während sie sich, bedrängt von Alltag und Vergänglichkeit, um einen stabilen Behauptungswillen bemühen.

Künstlerfamilie

Karl, Anfang 30, der eigentliche Held des Buches, dem man anfangs, dank eines eher merkwürdigen Gebarens, noch nicht so ganz viel abzugewinnen vermag, ist Künstler, was einiges, aber eben nicht alles erklärt oder gar entschuldigt. Eher zählt da der Umstand, dass er sich in vergleichsweise jungen Jahren schon einen außerordentlichen Bekanntheitsgrad erworben hat, wofür allerdings auch sein Name verantwortlich zeichnet: Karl nämlich ist der einzige Sohn des berühmten Künstlerpaars Ada und August Stiegenhauer, einem glamourumkränzten Duo, dem in der Kunstszene vieles, wenn nicht gar alles gelang, auf jeden Fall genug, um beträchtliche Reichtümer anzuhäufen.

Auf dem vorläufigen Höhepunkt ihres Ruhmes, den sie zuvor in bewusster Nichtsesshaftigkeit zele-brierten, erfolgt ihre endgültige Ankunft; die Stiegenhauers lassen sich am Leinsee nieder: Sie fuhren "das Waldsträßchen entlang. Ada saß am Steuer, August summte eine Melodie (. . .). Der Wind wehte warm. Sie waren glücklich. Als sich der Wald auftat und das Panorama auf den See freigab, hielt Ada den Wagen an. Ada sah August an, August sah Ada an, sie nickten beide, alles war klar, alles war gut, sie waren zu Hause."




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-30 14:53:53
Letzte Änderung am 2018-08-30 17:17:58


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