• vom 02.09.2018, 09:30 Uhr

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Unterwegs auf der Wehmutsbahn




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Natürlich ist es ein standesgemäßes Anwesen, das die Stiegenhauers am Leinsee, zu dem ein gleichnamiger Ort gehört, beziehen; es fehlt an nichts, und der Erfolg, der sie bisher so unerbittlich verwöhnt hat, spielt weiter mit. So verwundert es nicht, dass ihnen zur Vervollständigung ihres Wohlbefindens noch ein Kind geboren wird: Karl, den es indes, wie sich herausstellt, gar nicht gebraucht hat, um die Stiegenhauers, die sich absolut selbst genügen, auf andere, womöglich noch glücklichere Gedanken zu bringen.

Karl stört nicht, aber größere Freude löst er auch nicht aus; so wird er, nachdem er nahezu unbemerkt vor sich hin wächst, in einem Internat geparkt. Dort gefällt es ihm besser als zu Hause; Leinsee, eine Heimat, die nie recht Heimat war, verblasst, was auch für seine Eltern gilt.

Geballte Erfolgs-Gene

In der Folge avanciert Karl zum angesagten Künstler, wofür die einschlägige Presse, die keine unnötigen Kompliziertheiten mag, vor allem die geballten Stiegenhauer-Gene verantwortlich macht. Karl ist es recht, er mag selbst keine Kompliziertheiten und sieht sich mit einer vage ausgleichenden Gerechtigkeit bedacht, die ihm Komfort beschert und auf nervöse Weise ruhiggestellt.

Die inzwischen fast schon langweilige Erfolgsgeschichte der Stiegenhauers könnte ewig fortgeschrieben werden, aber dann meint das Schicksal, das die Stiegenhauers zuvor in ihrem Übermaß an Begünstigung links liegengelassen hat, auf einmal, eingreifen zu müssen: August stirbt, Ada liegt im Koma, und es gilt, anstehende Erbschaftsfragen zu regeln.

Karl, mittlerweile in Berlin ansässig, muss nach Leinsee zurück. Von nun an nimmt der Roman Fahrt auf, was vor allem daran liegt, dass eine zweite Hauptperson ins Spiel kommt: Tanja heißt sie, ist acht Jahre jung und hockt in einem Baum auf dem Stiegenhauer-Gelände, von wo sich alles Mögliche beobachten lässt, nicht zuletzt auch, was Karl da so treibt. Der ist zunächst nicht sonderlich amüsiert, aber dann beschäftigt ihn das geheimnisvolle Kind immer mehr.

Eine Beziehung entsteht, rätselhaft und mit Folgen. Nebenbei muss sich Stiegenhauer junior noch um den Nachlass des Vaters kümmern; zudem erwacht seine Mutter, völlig überraschend, aus dem Koma, ist ansprechbar und sehr liebevoll zu ihrem Sohn - was allerdings daran liegt, dass sie ihn nicht erkennt und für August hält.

Gerade die zweite Hälfte von "Leinsee" ist pfiffig und wendungsreich: Dass Karl noch eine große Liebe vergönnt sein wird, ahnt der Leser, bleibt jedoch vorläufig auf Mutmaßungen angewiesen. Die Zeit vergeht, was anders soll sie tun. Auch als Karl wieder in Berlin lebt, denkt er oft, sehr oft an Tanja, die inzwischen wohl schon zur jungen Frau herangewachsen ist; für ihn gilt eine Einsicht, die einst den Dichter Robert Walser befiel: "Was nicht anwesend ist, ist es manchmal dadurch gerade sehr."

Lakonischer Witz

Zu guter Letzt ergeht es Karl mit seiner Liebe in etwa so, wie es damals, in ihrem legendären Sommer, auch den Eltern erging, als sie Leinsee entdeckten: "Sie hatten das Verdeck geöffnet, auf den Feldern waren Vogelscheuchen verteilt, die ihnen zuwinkten, und Karl winkte zurück. Ein Dorf sah aus wie das andere, Fachwerk, getünchte Fassaden, Sandstein, Gardinen, Porzellanfiguren und Blumen in den Fenstern, rechts stapelten sich die Weinberge, hier und da saß eine Burg dazwischen wie eine brütende Henne, und links dehnte sich eine Ebene aus aneinandergenähten Feldern, darüber Strommasten und der Himmel."

"Leinsee" ist ein überaus unterhaltsamer, fast märchenhaft anmutender Roman, der es gut mit dem Leser meint. Anne Reinecke verfügt über lakonischen Witz und versteht sich aufs Erzählen; wir sind - keine Floskel - gespannt, was von dieser Autorin noch zu erwarten ist und bitten, zu gegebener Zeit, um vorauseilende Informationen.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-30 14:53:53
Letzte Änderung am 2018-08-30 17:17:58


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