• vom 03.09.2018, 09:30 Uhr

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Schauen, wo man bleibt




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Von Heimo Mürzl

  • Marie Gamillschegs Debütroman "Alles was glänzt" ist ein vielstimmiges Porträt einer Schicksalsgemeinschaft.



Marie Gamillschegs Debütroman "Alles was glänzt" beginnt mit dem unerwarteten Tod des jungen Dorfbewohners Martin, der bei einem Autounfall auf etwas rätselhafte Art und Weise ums Leben kommt.

Was wie ein Provinzkrimi startet, verwandelt sich im Laufe der Lektüre aber sehr rasch zu einer ebenso stimmungsvollen wie mysteriösen Geschichte einer Schicksalsgemeinschaft in einem vom Untergang bedrohten Bergbaudorf, das sehr stark an den steirischen Ort Eisenerz erinnert.

Information

Marie Gamillscheg
Alles was glänzt

Roman. Luchterhand, München 2018, 223 Seiten, 18,50 Euro.

Der Ort und das Bergwerk haben ihre besten Zeiten schon hinter sich, und der Berg droht nach mehreren misslungenen Sprengungen in sich zusammenzubrechen. Alle im Dorf können es spüren, müssen ihre Rückschlüsse ziehen und schauen, wo sie bleiben. Der Niedergang des Bergbaus und die kontinuierliche Abwanderung stellt eine große Herausforderung für die Dorfgemeinschaft dar. Der Strukturwandel erhöht nicht nur den wirtschaftlichen Druck, sondern verändert auch die Menschen selbst.

Marie Gamillscheg schildert dies multiperspektivisch anhand von vier Protagonisten: Susa, die gelassene Betreiberin des letzten noch verbliebenen Dorflokals "Espresso", ist zugleich Szenewirtin und gute Seele des Dorfes; der alte Wenisch, der immer im Bergwerk gearbeitet hat, ist der letzte verbliebene Stammgast im "Espresso"; Teresa ist eine talentierte Musikerin, die unter der Enge des Dorflebens leidet und wegen des angestrebten Klavierstudiums in die Stadt ziehen will, während Merih als smarter Regionalmanager aus der Stadt den umgekehrten Weg gewählt hat und der allmählich verschwindenden Welt rund um den (Erz-)Berg neues Leben einhauchen will. Die vier Figuren stehen für vier unterschiedliche Lebensentwürfe, doch alle vier eint die Suche nach ihrem adäquaten Platz in der sich verändernden Lebenswelt.

Sprachlich interessant, psychologisch geschult und dramaturgisch raffiniert, mit einem Gespür für das Atmosphärische, für die besonderen Stimmungen in dieser vom Zerfall bedrohten (Provinz-) Welt, erzählt die 1992 in Graz geborene Marie Gamillscheg ihre Geschichte von Untergang und Neubeginn, vom Weitermachen und Wegziehen. Man erfährt viel von der Mentalität dieser Menschen, von der Art und Weise, wie sie reden, lachen, streiten, trauern, miteinander umgehen und ihr Leben zu meistern versuchen.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-30 16:02:52
Letzte Änderung am 2018-08-30 17:24:24


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