• vom 01.09.2018, 10:30 Uhr

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Kulturgeschichte

Wo sogar Ehen gestiftet wurden




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Von Gerhard Strejcek

  • Der Wiener Stadtforscher Peter Payer hat eine eindrucksvolle Kulturgeschichte der Aufzüge vorgelegt.

Paternoster der Fa. Freissler, Bj. 1910, im Haus der Industrie, Wien Innere Stadt. Christian Tauß

Paternoster der Fa. Freissler, Bj. 1910, im Haus der Industrie, Wien Innere Stadt. Christian Tauß Paternoster der Fa. Freissler, Bj. 1910, im Haus der Industrie, Wien Innere Stadt. Christian Tauß

In Karl Kraus’ epischer Abrechnung mit dem Ersten Weltkrieg, "Die letzten Tagen der Menschheit", deren Epilog 1917 im Schweizer Kanton Glarus entstand, spielt das "Sirk-Eck" eine wichtige Rolle. Gegenüber der Hofoper (heute: Staatsoper) defilierten die modebewussten Wienerinnen mit Hüten, die in Ascot Furore gemacht hätten und betörten die wohlhabenden sowie einflussreichen Geschäftsleute, die sich mit ihren Gehröcken, -stöcken und Zylindern auf der Ringstraße vor dem Hotel "Bristol" wichtig machten. Darunter befanden sich der Präsident der "Anglobank", Julius von Landesberger, und der "Bodencredit"-Gouverneur Rudolf Sieghart, die Kraus besonders aufs Korn nahm, weil sie als Financiers und Einflüsterer der Habsburger galten.

Wer im wahrsten Sinn des Wortes hinter die Kulissen dieser Szenerie blicken möchte, sollte das neue, bibliophile Werk von Stadtforscher und Historiker Peter Payer zur Hand nehmen. Payer, der auch als Kurator im Technischen Museum wirkt, gelingt mit der Aufzugsgeschichte "Auf und Ab" ein großer kulturgeschichtlicher Wurf. Der Autor zeigt dem Leser das "Bristol" und die Rotisserie "Sirk" nicht nur mit den fotografischen Augen des Literaten und Chronisten, sondern er liefert dem Betrachter auch Einblick in einen Aufzug der Sonderklasse.


Mit Ledercouch

Wohnhaus in Wien-Wieden, Eisenkabine, Bj. 1910. Christian Tauß

Wohnhaus in Wien-Wieden, Eisenkabine, Bj. 1910. Christian Tauß Wohnhaus in Wien-Wieden, Eisenkabine, Bj. 1910. Christian Tauß

Der vergoldete "Bristol"-Fahrstuhl (renoviert 1995) mit Marmorboden und einer Ledercouch für müde Hotelgäste ist an Luxus kaum zu überbieten. Vor der Schiebetür des Lifts weisen Messingschilder zu den noblen Salons im Unter- und Obergeschoß. Wer diese Transporthilfe betreten darf, der hat es geschafft und zählt zu den Oberen Zehntausend, möchte man meinen.

Im Gegensatz dazu nehmen sich die zahlreichen Paternoster, welche Payer dokumentiert, wie basisdemokratische Statements der Technikgeschichte aus. Jedem Benutzer steht derselbe, meist schmucklose Kabinentyp zur Verfügung, auch die noble Hofratswitwe muss das Bein heben, um rasch den offen dahingleitenden Aufzug zu betreten. Leider handelt es sich bei den hölzernen Permanentaufzügen, die durch niedrige Wartezeiten und hohes Passagieraufkommen punkten, um eine aussterbende Spezies.



Wer in Wien mit einem Paternoster auf- oder abwärts fahren möchte, muss diese erlebnisreiche Fahrt in einem der wenigen öffentlich zugänglichen Gebäude verrichten, wofür sich vor allem das Rathaus auf der - vom Zen- trum aus gesehen - "rechten" Seite der Felderstraße (Ein- und Ausgang wenden sich der Votivkirche zu) anbietet. Aber auch hier gilt, dass der gute alte Paternoster der Favoritner Firma Freissler, der mehr als hundert Jahre auf der Umlenk-Welle hat, immer seltener in Betrieb ist.

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Dokument erstellt am 2018-08-31 14:21:00


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